Hiobs Brüder, Rebecca Gablé
"Sieh dich um, du Ausgeburt der Hölle", knurrte der Mönch. "Wirf einen letzten Blick auf die Welt."
Unwillkürlich folgte Simon der Aufforderung, obwohl er sich so fest vorgenommen hatte, genau das nicht zu tun. Er blieb stehen, wandte sich um umd blickte kurz zurück auf die rastlose, aufgewühlte See. Der Wind fuhr ihm ruppig durch die Haare und wehte ihm eine Strähne ins Auge, aber der Junge konnte nichts tun, um sie zurückzustreichen, denn die Brüder hatten ihm die Hände auf den Rücken gefesselt. Anscheinend fürchteten sie, der fünfzehnjährige, schilfdünne Knabe sei in der Lage, es mit vier gestandenen Benediktinern gleichzeitig aufzunehmen.
Ein Sonnenstrahl brach durch die bleifarbene Wolkendecke und tauchte das Meer und die flache Küste des Festlands drüben in gleißendes, überirdisches Licht.Rebecca Gablé schreibt einmal mehr über das englische Mittelalter, in dem sie sich so gut auskennt. Diesmal sind es geistig Behinderte, von denen manche mittelalterliche Theologen sagten, sie hätten keine Seele.
Weswegen sie ein Abt auf einer alten Insel in einer Festung aus den Tagen WIlhelm des Eroberers einsperren lässt. Ehrbaren Christenmenschen ist ihr Anblick nicht zuzumuten und die Mönche haben Angst vor ihnen. Wohnen diesen Kreaturen Satans vielleicht Zauberkräfte inne?
Doch zaubern können sie nicht: Simon, der die Fallsucht (Epilepsie) hat, Edmund, der so viel über Theologie weiß und behauptet, er sei der auferstandene Märtyrerkönig Edmund, Loisan, der sein Gedächtnis verloren hat, die Zwillinge, die an der Hüfte zusammengewachsen sind, der mongoloide Oswald und Regy, der ein psychopathischer Mörder ist und den man nur mit Ketten bändigen kann.
Dann reisst eine Sturmflut eine Lücke in die alten Mauern und sie können fliehen. Heim wollen sie natürlich, soweit sie ein Heim haben oder sich an eins erinnern. Doch bald stellt sich heraus, dass nicht nur der Abt sie eingesperrt hat. Für manchen war es willkommen, einen Verwandten loszuwerden ...
So ziehen sie durch das England der großen Anarchie, in der kein Gesetz gilt, weil zwei Könige Anspruch auf den Thron erheben, die Barone tun, was sie wollen und plündernde Soldateska das Land unsicher macht.
Das Buch schildert spannend und kenntnissreich einen Aspekt des Mittelalters, über den wenig bekannt ist: Wie die Stellung geistig Behinderter aussah. Die kleine Gruppe der Flüchtlinge hält trotz aller Behinderungen eisern zusammen und kämpft sich durch das feindliche Land. Das ist der spannendste Teil des Buches und der Teil, den der Leser verschlingt.
Im zweiten Teil geht es um die hohe Politik, um Stephan und die Kaiserin Maud, die beide Anspruch auf die Krone erheben, um das weiße Schiff, in dem der Thronfolger ertrunken ist. Womit die Anarchie ihren Anfang nahm.
Dieser Teil ist auch gut geschrieben, aber er zerfasert, hier stehen mehrere Erzählstränge doch sehr unverbunden nebeneinander und das Schicksal der Könige kann längst nicht so fesseln, wie das der kleinen Gruppe der Behinderten. Die tauchen zwar als Einzelne immer wieder im zweiten Teil auf, aber ich vermisse beim Lesen doch die Gruppe und die stringente Erzählung des ersten Teils.
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Hiobs Brüder, Rebecca Gablé, historischer Roman, Ehrenwirth, Oktober 2009
ISBN-13: 978-3431037913, gebunden, 912 Seiten, Euro 24,99