“Eine Lanze für Schreibgruppen und Onlineforen
brechen”
Interview mit Alessandra Bernardi
Alessandra
Bernardi hat ihren ersten Roman „Die Tochter des Dogen“ über das
mittelalterliche Venedig veröffentlicht.
Hans Peter Roentgen: „Die Tochter des Dogen“
spielt im mittelalterlichen Venedig, das damals eine europäische
Großmacht war. Romane über das Mittelalter gibt es viele, meist spielen
sie in England, Frankreich oder Deutschland. Unterscheidet sich Venedig
als historischer Hintergrund sehr davon?
Alessandra Bernardi: Für mich stand nie zur
Diskussion, inwieweit sich Venedig mit seiner Geschichte von anderen
Ländern abhebt. Mich reizte dieses Edikt des Dogen, diese Verfügung,
der den Glasbläsern untersagte, die Lagune zu verlassen. Zuerst
verbannte man sie wegen der Brandgefahr, später knechtete man sie, weil
die Angst, dass die Männer diese Kunst außerhalb des Landes verraten
würden, so groß war. Die Qualität und Kunst des Murano-Glases hat ja
bis heute weltweit einen sehr guten Ruf und bot in Verbindung mit dem
Schicksal der Dogentochter einen reizvollen Rahmen. Ich habe für den
Roman nicht in allen Geschichtsbüchern bewusst nach einem wenig
genutzten Hintergrund gesucht. Es war eher so, dass mich die Geschichte
gefunden hat. Ein Glasbläser, der nicht tun darf, was er will. Und die
Tochter des Dogen, die nicht tun darf, was sie will. Diese Geschichte
konnte nur in Venedig erzählt werden.
Hans Peter Roentgen: In deinem Roman spielt
die historische „Promisio“ eine Rolle, das Versprechen des Dogen, das
ihn band.
Alessandra Bernardi: Promisio heißt zwar
Versprechen, aber eigentlich war es gar kein Versprechen, sondern eine
endlose Reihe von Pflichten und Rechten, die der Doge einhalten musste.
Die Rechte wurden im Lauf der Zeit immer stärker beschnitten und die
Pflichten geradezu grotesk.
Aber auch für die normale Bevölkerung gab es eine
Unzahl an Edikten und die ganze Stadt war vom Geheimdienst unterlaufen,
der darauf achten sollte, dass auch jede Bestimmung eingehalten wurde.
Hans Peter Roentgen: „Die Tochter des Dogen“
ist dein erstes veröffentlichtes Buch, War das auch das erste Buch, das
Du geschrieben hast?
Alessandra
Bernardi: Nein. Die
allererste Geschichte war eine Geschichte über Zwerge für meine
Erstgeborene. Und das erste Buch, das in meiner hartnäckigen Zeit
entstanden ist, war ein Fantasyroman. Er wartet übrigens noch heute auf
eine angemessene Überarbeitung, die mir aber aufgrund aktuellerer
Projekte noch nicht gelungen ist.
Hans Peter Roentgen: Du hast den Text ja
häufig überarbeitet, ganze Kapitel immer wieder neu geschrieben.
Alessandra Bernardi: Die erste Fassung kam
relativ unvermittelt zustande. D.h. ohne großartigen Plot oder
Szenenaufbau. Ich schrieb einfach darauf los, jedoch kam dann
irgendwann das böse Erwachen. Es funktionierte über weite Strecken
nicht so, wie es mir erdacht hatte. Oder die Motivation der Charaktere
war nicht über Zweifel und Verständnis erhaben. Eine Lektorin meinte,
das hätte zu viel von Romeo und Julia. Gut, das wollte ich nicht. Ich
wollte eine Liebesgeschichte, aber keinen Abklatsch von dieser
tragischen Geschichte, die ich selbst so gern gelesen hatte. Ich habe
erkannt, dass ich manchmal einfach mal los schreiben muss. Überarbeiten
kann man ja später noch. Je öfter ich überarbeite, desto stärker wird
der Text. Rückblickend denke ich, mit mehr Dramaturgieüberlegungen
vorher hätte ich mir ein paar Monate erspart.
Hans Peter Roentgen:
Seit wann schreibst du überhaupt? Was war deine erste Geschichte?
Alessandra Bernardi: Mehr oder weniger
regelmäßig seit vier, fünf Jahren. Davor hatte ich immer wieder Phasen,
wo der Schreibdrang sehr groß war. Abwechselnd mit Ideen für
Drehbücher. Meinen persönlichen Durchbruch hatte ich mit dem Eintritt
in Schreibgruppen oder Online-Workshops. Ab da habe ich gemerkt, dass
es nicht bloß ein Hobby sein kann für mich und ich einfach zu viele
Ideen habe, die nicht in der Schublade bleiben dürfen.
Hans Peter Roentgen: Dein Buch hatte ja mit
der Pleite des Europa Verlages schon eine aufregende Geschichte hinter
sich, bevor es erschien.
Alessandra Bernardi: Es war keine leichte
Zeit, wie du dir vorstellen kannst. Vor allem die Ungewissheit, ob das
Buch nun überhaupt erscheint, nagte an mir. Es brauchte natürlich auch
seine Zeit, bis die Situation geklärt war. Hier zeigt sich auch die
Wichtigkeit von Schreibgruppen, in denen ich über den langen Zeitraum
auch private Kontakte aufgebaut hatte. Ohne den Zuspruch meiner Freunde
hätte ich diese Zeit nicht so gut überstanden. Es gab wirklich Momente,
in denen ich nahe dran war, aufzugeben.
Hans Peter Roentgen: Hast du bereits so etwas
wie eine Routine, mit der du an ein Buchprojekt herangehst? Fängst du
mit dem Plot an, oder den Figuren oder schreibst du aus dem Bauch
heraus?
Alessandra Bernardi: Das Erstkapitel muss ich
einfach aus dem Bauch heraus schreiben. Da ist diese Idee so
übermächtig, dass es einfach „raus“ muss. Ich kann auch gar nicht
sagen, was zuerst war. Der Plot – oder die Charaktere. Es kommt darauf
an. Bei meinen Recherchen stoße ich auf interessante historische
Ereignisse und denke, das wäre eine reizvolle Geschichte. Meistens ist
also der Plot zuerst da. Beim Dogen, denke ich, war es insbesondere
auch Isabella, deren Schicksal als Tochter des Dogen mich so fasziniert
und gereizt hat.
So richtig aus dem Bauch heraus geht es dann aus den
obgenannten Gründen nicht. Ich brauche also sehr wohl meine Idee,
meinen Aufhänger, an dem ich den Roman aufziehen kann. Es geht aber
Hand in Hand. Bei einem anderen Projekt kämpfe ich gerade gegen die
historischen Fakten, von denen ich mich zu sehr gefangen nehme lasse,
als meinen Charakteren zu trauen und ihnen einfach die Zügel zu
überlassen. Dieses Projekt wird auch noch mehr Zeit brauchen, bis ich
tief im Herzen davon überzeugt bin, welche Figur nun tatsächlich das
Zugpferd ist.
Hans Peter Roentgen: Wie hat sich deine
Geschichte entwickelt, war als erstes die Figur der Isabella da, oder
Venedig als historischer Hintergrund oder ... ?
Alessandra Bernardi: Es gab die Idee, eine
Geschichte zu erzählen, in der die Tochter des Dogen eine Rolle spielt.
Erst, als ich bei meinen Recherchen den Edikt fand, der den Glasbläsern
das Verlassen der Lagune verbot, bekam die Geschichte dann endlich den
Ankick. Der Keim war gepflanzt, jetzt ging es darum, die Ranken
hochzuziehen.
Hans Peter Roentgen: Du warst und bist in einigen
Internet Diskussionsgruppen aktiv gewesen. Was kann man in solchen
Schreibgruppen, Autorenforen lernen? Kann man da überhaupt was lernen?
Alessandra Bernardi: Gegenfrage – kann man
das Schreiben ohne sie lernen? Ich meine damit, natürlich kann man das
Handwerk lernen, sich darin üben, aber letztendlich muss man es
anwenden. Und dazu bedarf es der einzigartigen Fähigkeit, seine eigenen
Texte objektiv zu betrachten. Oder – man kann dankenswerterweise auf
gleichgesinnte Schreibfreunde hoffen und deren Feedback erbitten.
Egal, ob wwg, texkraft, Montsegur, 42er Autoren,
Schreiblust undundund - ich war ja bei vielen dabei und ohne diesen
Einblick wäre ich heute nicht so weit. Ich habe keine einzige bereut.
Nie. Ich wage sogar zu behaupten, dass ich ohne sie alle nicht so weit
gekommen wäre. Vielleicht hätte ich das Schreiben aufgegeben,
vielleicht hätte ich mein Manuskript verbrannt – ich wäre an meinen
Zweifeln erstickt, aber es gab so viele unglaublich aufopfernde,
liebevolle und konstruktive Rückmeldungen in all den Jahren, dass ich
hier gerne – und mit einen lauten Krachen! – eine Lanze für alle
Schreibgruppen und Onlineforen brechen will.
Das alles zusammen hat geprägt, glaube ich. Und da
überwiegen die positiven Eindrücke auf jeden Fall. Gerade in unserem
Beruf muss man aus dem Kämmerchen raus. Der Zeitbedarf ist der einzige
Wermutstropfen dabei.
Ohne das fortlaufende Entwickeln der eigenen
Schreibkunst, dem Feedback, Austausch mit anderen, kann man es sich
heute als Autor nicht mehr leisten, ans erfolgreiche Schreiben zu
denken. Das mag hochtrabend klingen, aber die Zeiten, wo Autor im
stillen Kämmerchen saß und seinen Bestseller mit lukrativem Vorschuss
verkaufte, sind vorbei. Networking ist ein Schlagwort, das gerade unter
uns Autoren nicht unterschätzt werden darf. Der regelmäßige Austausch
hilft auch, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren. Niemand
schreibt perfekt, niemand lektoriert perfekt, aber das Zusammenspiel
von Feedback und Kritik schult das eigene Auge, Fehler bewusster
wahrzunehmen.
Natürlich ist dieses Präsentieren eigener Texte im
Rahmen der Gruppen nicht jedermanns Sache. Und natürlich ist es nicht
angenehm oder leicht wegzustecken, wenn man harte Kritik einfährt. Aber
lieber hier, wo man darüber diskutieren kann, Fehler ausmerzen kann als
eine knallharte Absage von Lektoren oder Agenten.
Hans Peter Roentgen: Auch wenn es niemand
gerne hört, aber Verlage haben einfach ein Programm und benötigen dafür
bestimmte Bücher. Einen Krimi für die Krimireihe, einen historischen
für die historische Reihe und möglichst in dem Stil, den die Leser im
Moment am liebsten lesen. Du hast an einem Seminar teilgenommen, in dem
nach solchen Vorgaben geschrieben wurde. Geht das überhaupt? Oder engt
das die Phantasie nicht doch sehr ein?
Alessandra Bernardi: Jeder Roman beginnt mit
einer Idee, für die man dann die Charaktere, das Setting, die Handlung
und die Dramaturgie entwickelt und da macht es eigentlich für die
Phantasie keinen Unterschied, ob die ursprüngliche Idee auf einem
Zeitungsartikel beruht, einer Fernsehdokumentation oder einer Anregung
des Lektors oder Agenten.
Das Reizvolle darin ist, bestimmte Vorgaben
umzusetzen und sich zufrieden nach dem Ende zurückzulehnen und
festzustellen, dass man auch mit Ideen, die man "vorgesetzt"
bekommt, produktiv arbeiten kann.
Hans Peter Roentgen:
Du schreibst unter einem Künstlernamen, warum eigentlich?
Alessandra Bernardi: Das war eine
verlagsinterne Entscheidung. Mittlerweile liebe ich mein zweites Ich.
Alessandra ermöglicht mir ein entspanntes Arbeiten, aber natürlich
beneide ich Alessandra um ihre Erlebnisse mit ihren deutschen Fans und
vor allem – ihre Vorliebe für Historische Romane.
Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das
Interview.
Leseprobe „Die Tochter des Dogen“
Homepage von Alessandra Bernardi
Das Interview wurde erstmals veröffentlicht im Autorennewsletter tempest
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