Lebendige Figuren
Einigermaßen regelmäßig bekomme ich ein Problem; ich höre eine Stimme. Gottseidank habe ich das noch keinem Psychiater gebeichtet, sonst würde ich wohl in irgendeiner Anstalt Mandalas ausmalen. Nichts gegen Mandalas, soll ja beruhigen, aber ich möchte meine Stimmen behalten.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, daß andere Leute keine fremden Stimmen hören; das muß ziemlich einsam sein in deren Kopf.
Manchmal ist die einzige Stimme, die ich höre, meine eigene, die mich dafür zurechtweist, daß ich den Typen gerade nicht unbedingt auf der Straße hätte schneiden müssen, oder die mir sagt, daß die Pizza Gamberetti extra Käse, die ich gerade esse, sicher nicht dazu beiträgt, die 5 Kilo abzunehmen.
/Diese/ Art Stimme scheint übrigens jeder zu hören – wir befinden uns im permanenten Selbstgespräch mit uns selbst. Manche machen das laut, gerade Leute, die lange allein gelebt haben („Habe ich die Butter in den Kühlschrank getan? Nein. Na so ein Ärger. Da muß ich beim nächsten Mal aber unbedingt dran denken“).
Die fremde Stimme ist anders. Sie gehört zu meiner aktuellen Hauptfigur, die mir, ungefragt, Stories aus ihrem Leben erzählt oder Kommentare zu meinem Leben abgibt. Letzteres kann einem ganz schön auf den Geist gehen, insbesondere, wenn die Figur nicht gerade zu der liebenswerten Sorte gehört, mit der man gern Zeit verbringt („Zwanzig Kilo mit der Langhantel und schon Probleme? Was bist du für ein mieser Loser? Unter meinem Kommando würdest du Liegestützen machen, bis du kotzt, und dann, weil du kotzt“).
Jedes meiner Bücher fängt mit einer Stimme an. Ich sehe den Charakter irgendwann, weiß, was er vorhat, und dann kommt ein Punkt, wenn ich quasi nur schreibe, was ich vor mir sehe. Ich habe einen inneren Film, der als Hörspiel anfängt. Die Stimme verschwindet meist, wenn ich das entsprechende Buch geschrieben habe – ich habe sie „ausgeschrieben“, es gibt nichts mehr zu erzählen.
Jemand hat mal gesagt, Schreiben wäre kontrollierte Schizophrenie. Ich bin geneigt, dem zuzustimmen. Der Versuch, Nicht-Schreibern zu erklären, was ich beim Schreiben (und davor) empfinde, sehe und höre, führt zu eigenartigen Gesprächen, während derer Leute dann ihren letzten Psycho-Ratgeber an mir ausprobieren. Ja, meine Kindheit war „nicht so prall“, wie man so sagt. Geschadet hat es mir nicht, und ich bin nicht irre. Und ich gehe nicht zu einem Kopf-Doktor.
Mein Kopf ist in Ordnung.
Ich bin Schriftstellerin.
Zu sagen, ich kontrolliere meine Hauptfiguren, ist eine Übertreibung. Ich hatte genauso wenig Einfluß auf den letzten Film, den ich im Kino gesehen habe („Ring“).
Meine Nebenfiguren sind artig, sie halten sich an ihr Skript („Ich soll den Typen hier vergiften? Ja, okay“), meine Hauptfiguren aber werfen einen Blick auf das Skript (meinen Plot und meine Notizen) und nicken erstmal. Oft glitzert es da schon in ihren Augen. Das erste Anzeichen der Rebellion.
Ich hatte da mal einen Intriganten, nennen wir ihn Irato. Irato sollte der Bösewicht sein, der von seinem Gegenspieler Vittorio ausgetrickst und dann getötet werden sollte. Vittorio war – laut meiner Notizen – ein ziemlich cooler, fähiger Typ. Ein bißchen sentimental, vielleicht.
Das Expose stand, ich bekam den Vertrag, ich sollte das Buch schreiben.
Im ersten Kapitel entpuppte sich Irato als der Kontrollfetischist, der er ist. Der Typ ließ sich nicht austricksen, er hatte an alles gedacht. Ich schrieb die erste Vittorio-Szene, der schwächer war als geplant, aber er hätte sich entwickeln können.
Und dann kam Iratos Stimme: „Dieser Waschlappen soll es in Kapitel 7 mit mir aufnehmen? Der und welche Armee? Selbstherrlich, arrogant, clever und fähig. Und viel sorgsamer planend als vorgesehen. Vittorio hatte einfach nicht den Mumm, um es mit ihm aufzunehmen, und das war uns dreien klar: Vittorio, Irato und mir, ihrer Erschafferin.
Noch drei Monate bis zur Abgabe des Buches. Elf von zwölf Kapiteln waren noch zu schreiben, und der Plot fiel auseinander, weil eine Figur sich weigerte, ihren Job zu machen. Die Nebenfiguren waren alle etwas verblüfft, einige hielten sich auch nicht an ihr Skript; Severo wollte nicht sterben, wie es vorgesehen war. Er meinte, auch er hätte eine Chance verdient. Khorra wollte lieber frei sein, als sich für Severo oder Amato zu opfern.
Die Rebellion war in vollem Gange.
Ich bekam, was ich für eine Legende gehalten hatte. Einen bösen kreativen Block. Ich wollte mich verzweifelt an meine Notizen halten.
Es gab zwei Alternativen. Ich hätte die Figuren zwingen können, das Schreiben wäre eine Qual gewesen. Ich hätte gegen die Natur der Figur Irato handeln müssen, ihn zwingen, zu tun, was vorgesehen war. Mein Verstand sagte mir, daß Irato recht hatte. Er war zu stark für Vittorio. Meine Vorstellung von Vittorio war aber schon zu ausgeprägt, als daß ich den einfach gegen einen besseren, stärkeren Charakter hätte austauschen können, der es mit Irato hätte aufnehmen können.
Die zweite Möglichkeit wäre gewesen, die Sache laufen zu lassen, die Figuren machen zu lassen. Das Problem: Ich hatte keine Ahnung, wohin es gehen würde und ich hatte einen Vertrag, den ich einhalten wollte. Einfach ohne Kontrolle und Plan zu schreiben hätte statt der maximal erlaubten 280 Seiten zu 820 Seiten führen können. Ich hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren (da sind Irato und ich uns sehr ähnlich).
Ich habe am Ende die Sache mit einigen Freunden besprochen. Diese waren der Meinung, Irato hätte recht und daß sie es mir als Leser nicht abgekauft hätten, wenn jemand wie Irato sich von jemandem wie Vittorio besiegen läßt.
Eben. Charaktere wehren sich dagegen, wenn der Autor gegen ihre „Natur“ handelt. Das Ergebnis der Beschäftigung mit den Figuren, von Interviews, Tagebücheinträgen, kurzum, von sauberer Vorarbeit sind Figuren, die eine „Natur“, eine „Persönlichkeit“, ein „inneres Wesen“ haben, gegen die man nicht verstoßen darf.
Denn Leser bekommen ein Bild der Figur – und wenn der Autor dieses dann bricht oder die Figuren in einen Plot quetscht oder zu Handlungen zwingt, die gegen diese Natur verstoßen, verlieren die Leser den Glauben an das, was sie da präsentiert bekommen („Der Irato, den ich kenne, würde sich nie von so einem Weichei besiegen lassen“).
Sobald ich mich von dem Gedanken verabschiedet hatte, meine Figuren kontrollieren und mich an alte Planungen für den Roman halten zu müssen, war alles in Ordnung.
Ich setzte mich hin und machte einen neuen Plan, diesmal mit Irato in all seiner Selbstherrlichkeit und Kompetenz. Ich hörte auch den Nebenfiguren zu, versuchte, sie zu berücksichtigen. Severo bekam seine Chance, Khorra auch, und Vittorio bekam die verdiente Euthanasie.
Das meine ich mit lebendigen Figuren. Figuren, die ihren eigenen Kopf haben, uns manchmal angenehm oder auch unangenehm überraschen. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Ich /mochte/ meinen ersten Entwurf. Ich hielt ihn für genial. Ich brauchte einige Zeit, bis mir klar wurde, daß er logische Probleme hatte. Niemand denkt an alles, und manchmal entwickeln sich Figuren anders als erwartet, nicht alles ist planbar und man bekommt manchen guten Einfall erst in der Mitte des Buches.
Laßt sie laufen, hört ihnen zu, stellt die Planung um, bis es wieder paßt.
Ihr erspart euch einen handfesten Streik.
Aufgabe
Horcht mal auf die Figur, die euch am meisten Probleme macht (oder gemacht hat). Die nicht richtig in den Plot passt. Zu der ihr keinen Plot findet. Was erzählt sie euch? Was hält sie von eurer Geschichte? Den anderen Personen? Was würde sie am liebsten tun, statt in dieser eurer Geschichte aufzutauchen? Was würde sie in eurem Buch/eurer Story tun, wenn sie völlig freie Hand hätte?