Es ist Ihre Aufgabe, die Gefühle der Leser anzusprechen

Interview mit Sol Stein, Lektor und Verleger, Autor von „Über das Schreiben“ und „Write Pro

 

 

Hans Peter Roentgen: Mr. Stein, Sie haben als Schriftsteller begonnen. In welchem Alter haben Sie Ihre erste Geschichte geschrieben? Und wie lang dauerte es, bis Ihr erster Roman gedruckt wurde?

Sol Stein: Das war in der großen Wirtschaftskrise in den Dreißigern. Mein Vater konnte sich kein Papier für mich leisten, deshalb ging er auf dem Heimweg an Grand Central Station vorbei und nahm einen Block von Telegrammformularen mit. Meine erste Geschichten wurden auf diesen Formularen geschrieben. Mein erstes Buch wurde veröffentlicht, als ich fünfzehn war. Als der Verleger mich sehen wollte, ging ich in sein Büro in Manhattan. Er sagte: "Warum ist dein Vater nicht selbst gekommen?"

Bevor ich Romanautor wurde, hatte ich zwei Theaterstücke für den Broadway produziert. Ein Stück von mir wurde von Lord Delfont für eine Londoner Aufführung gekauft, aber der Direktor, der Hauptdarsteller und der Produzent gerieten sich in die Haare, also änderte ich das Stück in siebzehn Tagen in einen Roman um, "The Husband", und sandte es anonym an sechs Verleger. Fünf machten mir Angebote dafür. Es wurde 1969 gedruckt.

 

Hans Peter Roentgen: Viele Autoren, die ich interviewt habe, begannen im Alter von vierzehn oder fünfzehn zu schreiben. Aber meist dauerte es Jahre, bevor sie ihr Handwerk gelernt hatten und veröffentlicht wurden. Wie lange braucht ein Autor normalerweise, bis er sein Handwerk beherrscht?

Sol Stein: Da gibt es keinen Standard, das ist individuell unterschiedlich. Seit es Bücher und Computerprogramme dafür gibt, kann man das Handwerk viel schneller lernen als früher. Der schnellste Weg für einen Anfänger ist ein Computerprogramm wie WritePro, das Sie sofort Szenen schreiben lässt und jeden Ihrer Schritte begleitet. Sie lernen das Handwerk dadurch, dass sie es sofort benutzen.

 

Hans Peter Roentgen: Jeder Nachwuchsautor träumt davon, Romane zu schreiben und zu veröffentlichen, und hält Lektoren für Leute zweiter Klasse: Sie müssen diesen Job machen, weil sie das Schreiben selbst nicht können. Weshalb wurden Sie Lektor und Verleger?

Sol Stein: Ich wollte bestimmte Bücher drucken, die früher schon erschienen, aber nicht länger erhältlich waren. Ich fand eine Möglichkeit, taschenbuchgroße Bücher nachzudrucken, und tat das zusammen mit Beacon Press in Boston. 1959 entstand meine Partnerschaft mit W. H. Auden, Jacques Barzun und Lionel Trilling, wir gründeten einen anspruchsvollen Buchclub, die "Mid-Century Book Society". Es stellte sich heraus, dass eine Menge Bücher von uns entdeckt wurden, die dann von einem Verleger veröffentlicht wurden, von dem wir die Rechte zurückkauften. Da machte es Sinn, sie gleich selbst zu verlegen. 1962 gründete ich "Stein & Day". Unser erstes Buch, Elia Kazans "America, America", wurde ein großer Erfolg, und das hielt an. Wichtig war mir, dass ich nie aufhörte zu schreiben. Ich schreibe jeden Morgen, bevor ich mich Verlagsangelegenheiten widme, also genieße ich das Beste beider Berufe.

 

Hans Peter Roentgen: Mark Twain hat einst gesagt: "Wenn Sie ein Adjektiv sehen, bringen Sie es um." Bringen Sie alle Adjektive um, die Sie in Texten finden?

Sol Stein: Die meisten Adjektive schwächen das Substantiv, das sie beschreiben. Ich teste eine Substantiv-Adjektiv-Kombination, um festzustellen, ob sie ohne das Adjektiv stärker ist. Meist läuft es darauf hinaus, die Mehrzahl der Adjektive zu streichen. Außerdem empfehle ich Autoren, nicht zwei Adjektive vor ein Substantiv zu stellen. Nehmen Sie das stärkere, wenn Sie ein Adjektiv gebrauchen müssen.

 

Hans Peter Roentgen: "Action sells" heißt es, und wenn Sie die Bestsellerlisten heute ansehen, scheint das zu stimmen. Aber Sie lehren Autoren, "character-driven" zu plotten, dass die Person zuerst kommt und der Plot sich aus der Person entwickelt. Glauben Sie nicht, dass "action sells"?

Sol Stein: Ja, "Action sells", aber wenn Sie Ihre Figuren nicht lieben oder glauben, dass die Personen leben, wird die Action Sie nicht berühren. Ein Autor kann das Beste beider Welten haben, wenn er eine gute Story mit einem ungewöhnlichen Charakter verbindet, um den der Leser zittert. Ich hatte einen Anwalt namens George Thomassy in fünf meiner Romane. Mein Verleger sagte, er bekam Briefe von Frauen, die dieser Person einen Heiratsantrag machten! Ich schreibe die Beliebtheit dieser Romane genauso der Person wie den Geschichten zu.

 

Hans Peter Roentgen: Sie haben mehr als hundert Regeln in Ihrem WritePro. Falls alle Käufer jede dieser Regeln befolgen, schreiben Sie dann nicht Romane der gleichen Art, im gleichen Stil? Könnte es sein, dass die meisten Fast-Food-Romane schreiben würden statt High Cuisine?

Sol Stein: Vielleicht ist "Regeln" nicht das richtige Wort. "Empfehlungen" wäre vielleicht genauer. Einige sind Prinzipien, andere Techniken, die auf den Erfahrungen vieler Autoren beruhen. Was den Unterschied zwischen Autoren angeht, da muss jeder seine eigene "Stimme" entwickeln. Von meinen Bestsellerautoren schreiben keine zwei gleich, obwohl sie meist meinen Empfehlungen folgen.

 

Hans Peter Roentgen: Wenn ich John Irving lese, vor allem "Gottes Werk und Teufels Beitrag", "Das Hotel New Hampshire", "Garp", dann sehe ich, dass er eine Menge Sachen macht, die ein Autor nicht machen sollte. Er schreibt lange Abschnitte ohne Handlung, er erzählt narrativ, er benutzt lange Sätze. Scheinbar kann man Longseller schreiben, obwohl man die Schreibregeln missachtet?

Sol Stein: Es würde zu weit führen, hier John Irvings Texte zu kritisieren. Er ist ein guter Autor, aber er könnte viel besser sein, vor allem, wenn er mehr direkte Szenen statt narrative Zusammenfassungen geben würde. Wie auch immer, es hat nichts damit zu tun, dass es Bestseller sind! Ich habe sieben Bücher eines Autors lektoriert, der zwei Millionen für jedes bekam, aber im literarischen Sinne nicht gut schrieb, sondern ein guter Geschichtenerzähler ist. Er interessiert sich nicht für die genaue Bedeutung der Worte oder dafür, lebendige Metaphern oder Vergleiche zu finden. Er ist wie einer unserer Vorfahren, die Geschichten am Lagerfeuer erzählten. Literarische Autoren legen großen Wert auf Sprache.

 

Hans Peter Roentgen: Wie soll man Ihre Regeln verstehen? Sind sie Gesetze, die befolgt werden müssen? Sind sie "state of the art", was jeder Künstler befolgen sollte? Sind sie Medizin, die gut wirkt, aber nicht immer und bei jedem Patienten, so dass Sie Erfahrung sammeln müssen, wann und bei wem es wirkt?

Sol Stein: Jetzt haben wir beide die Frage beantwortet. Diese so genannten Regeln sind "Empfehlungen", die man befolgen sollte. Sie sollen helfen und basieren auf der Erfahrung vieler Autoren.

 

Hans Peter Roentgen: 1 + 1 = 1/2 - der Autor muss seinen Text kürzen ist eine andere Ihrer Empfehlungen. Aber Harry Potter und andere dicke Bücher scheinen das Gegenteil zu beweisen. Der Leser verlangt so viel Text wie möglich.

Sol Stein: Wie erklären Sie sich dann den Erfolg von "The Reader" und anderer sehr dünner Bücher? Ein Buch ist so umfangreich, wie es braucht, die Geschichte gut zu erzählen. Die Harry-Potter- Bücher beweisen nichts, außer dass junge Leser Fantasy lieben - das haben sie immer getan.

 

Hans Peter Roentgen: Während Ihrer Arbeit mit Autoren wurden viele Texte kürzer. Gab es auch das Gegenteil, das ein Text nach der Lektorierung länger war?

Sol Stein: Hauptsächlich meine eigenen. Ich neige dazu, kurz zu schreiben, um sie dann während der Überarbeitung zu erweitern, aber die meisten Manuskripte, die ich gelesen habe, mussten gekürzt werden.

 

Hans Peter Roentgen: Als ich zuerst von WritePro hörte, war ich äußerst skeptisch. Als Computerprogrammierer konnte ich mir nicht vorstellen, ein Programm für das Romanschreiben zu entwerfen. Wie kamen Sie auf die Idee, WritePro zu programmieren? Und wie kamen Sie auf die Idee, es genau so zu machen?

Sol Stein: Ich habe fast mein ganzes Berufsleben Autoren unterrichtet, sowohl als Lektor wie an Universitäten. Ich wollte mich selbst klonen, damit die Leute mich in ihren Computer stecken konnten und ich mehr Zeit zum Schreiben hatte. Ich wollte eine quasi interaktive Umgebung schaffen, so dass ich den Autor begleiten konnte, während er oder sie das Handwerk lernte, und ihnen dann helfen, ihr Schreiben zu verbessern, indem ich die richtigen Fragen stellte.

 

Hans Peter Roentgen: Die meisten Programme haben Hunderte von verschiedenen Möglichkeiten. Ich war erfreut, dass WritePro nur ein paar, dafür aber gut durchdachte Funktionen hat. Vielleicht gilt 1 + 1 = 1/2 auch für Programme?

Sol Stein: Ja, ich finde unnötige Komplexität ärgerlich. Ich habe mir ein Schreibprogramm gekauft, dass andere geschrieben hatten, und sie sagten, es würde drei Wochen dauern, nur die Bedienung des Programms zu lernen. Die meisten Leute haben nicht so viel Zeit, deshalb entwarf ich Programme, die man sofort benutzen kann. Die Zeit sollte damit verbracht werden, besser schreiben zu lernen, nicht mit der Bedienung der Technik.

 

Hans Peter Roentgen: Als Sie WritePro entwarfen, hatten Sie da Ideen, die Sie nicht realisieren konnten, nicht mit den vorhandenen Computern?

Sol Stein: Das Beste ist, mit einem Autor im selben Raum zu arbeiten. Da ich nicht überall gleichzeitig sein kann, versuchte ich ein Programm zu schreiben, dass uns dieser Umgebung möglichst nahe brachte.

 

Hans Peter Roentgen: Was ist Ihr Hauptziel mit WritePro?

Sol Stein: Autoren zu helfen, die schwierige Kunst des Schreibens so schnell und effizient wie möglich zu lernen. Schließlich sind die Techniken von vielen erfolgreichen Autoren über die Jahrhunderte entwickelt worden, warum das Rad neu erfinden? Originalität wird sich immer durchsetzen, sobald der Autor seine "Stimme" gefunden hat.

 

Hans Peter Roentgen: In WritePro kann man die Regeln ausdrucken. Aber Sie sagen auch immer, warum die Regel funktioniert. Das kann im Moment nicht ausgedruckt werden. Wird es in Zukunft eine Version geben, in der das möglich sein wird?

Sol Stein: Ich möchte mich auf Lösungen konzentrieren. Über Ihren Vorschlag werde ich nachdenken, aber wenn jemand den ganzen Hintergrund gedruckt haben möchte, das gibt es in meinen Büchern "Über das Schreiben" und "Aufzucht und Pflege eines Romans"

 

Hans Peter Roentgen: Werden Ihre Bücher und Programme eines Tages zusammenkommen, vielleicht "Über das Schreiben" als Hilfe in WritePro oder Ihre Empfehlungen und Übungen aus WritePro als Buch?

Sol Stein: Ich glaube, dass die Bücher und die Software unterschiedliche Aufgaben haben. Die Bücher lehren Techniken. Die Programme lehren auch, aber ermöglichen es, sofort anzuwenden, was man gelernt hat, das hilft dem Gedächtnis.

 

Hans Peter Roentgen: Was halten Sie für das Beste, um Schreiben zu lernen: an einer Diskussionsgruppe mit anderen Autoren teilzunehmen, Schreibbücher zu lesen oder mit WritePro zu arbeiten?

Sol Stein: Mit Ihrer Erlaubnis muss ich sagen, dass Diskussionsgruppen hauptsächlich unerfahrene Autoren haben, die die Werke anderer unerfahrener Autoren kommentieren. Ich bin dagegen, Texte laut zu lesen, weil einige gute Autoren schlechte Schauspieler sind und umgekehrt. In meinen Seminaren muss der Student, dessen Arbeit dran ist, Fotokopien eines Kapitels mitbringen, genug Fotokopien für jeden in der Klasse. Wir lesen das Kapitel, als wären wir normale Leser, markieren Fehler und Verbesserungsvorschläge. Dann diskutieren wir. Auf diese Weise lernen alle fünfundzwanzig, wie man selbst lektoriert, während sie anderen bei der Verbesserung helfen und von einem erfahrenen Lektor angeleitet werden.

 

Hans Peter Roentgen: In Deutschland gibt es nur wenige erfolgreiche Autoren und Lektoren, die das Schreiben lehren, ich vermute weniger als zehn. Ist es in den USA üblicher, dass Autoren und Lektoren das Schreiben lehren?

Sol Stein: Ja, so gut wie jedes College und jede Universität geben Kurse in der Kunst des Schreibens. Die besseren Sekundarschulen lehren ebenfalls die Grundlagen. In der Highschool war ich der Vizechef unseres Literaturmagazins zusammen mit James Baldwin, der nie aufs College ging, aber dessen erstes Buch, das ich lektorierte, "Notes of a native son", als Nummer 19 für die Liste der "hundert besten Sachbücher des Jahrhunderts" ausgewählt wurde. Unser Lehrer pflegte uns unsere Geschichten in der schlimmsten, monotonsten Weise vorzulesen. Es war qualvoll, aber es lehrte uns, dass die Wörter die Geschichte tragen müssen, nicht die Interpretation dieser Wörter.

 

Hans Peter Roentgen: Diskussionsgruppen mit unerfahrenen Autoren sind nicht dasselbe wie solche mit einem erfahrenen Autor oder Lektor. Aber könnte eine Lösung eine E-Mail-Gruppe im Internet sein, die sich gegenseitig ihre Geschichten lektorieren und hinterfragen? Meinen Sie, das wäre besser, als allein zu arbeiten?

Sol Stein: Ich bevorzuge Gruppen, die sich wirklich treffen.

 

Hans Peter Roentgen: Wenn Sie mit einer Gruppe arbeiten, wie lange arbeitet die Gruppe zusammen? Wie oft treffen Sie sich?

Sol Stein: Mein Fortgeschrittenen-Seminar traf sich einen Abend in der Woche. Die Studenten wollten, dass es nie aufhören sollte, aber ich musste Kalifornien verlassen und nach New York ziehen. Üblicherweise arbeitet eine Gruppe ein Semester.

 

Hans Peter Roentgen: Was ist Ihr Rat für einen Anfänger, der Romane schreiben will? Was ist das Wichtigste für Schriftsteller?

Sol Stein: Wenn Sie Romane schreiben, ist es Ihre Aufgabe, die Gefühle der Leser anzusprechen, nicht sich etwas vom Herzen zu schreiben.

 

Hans Peter Roentgen: Eines Nachts liegen Sie schon im Bett, das Licht ist aus, Sie sind halb eingeschlafen, plötzlich steht eine wunderschöne Fee mit Bleistift und Papier neben Ihnen und sagt: "Sol Stein, Sie haben so viel für Autoren getan, ich will Ihnen einen Wunsch für die Literatur erfüllen." Was würde Sol Stein sich wünschen?

Sol Stein: Ich würde mir wünschen, dass mit harter Arbeit und zahlreichen Überarbeitungen der Roman, an dem ich arbeite, den gleichen Standard erreicht wie meine früheren Romane. Man ist immer unsicher, bis man einen Entwurf hat, den man nicht ändern will oder muss.

 

Hans Peter Roentgen: Herzlichen Dank für das Interview.

 

aus: tempest

 

 

 

 

 

 

 

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