... aber ich weiß, wie es nicht geht

Interview mit Matthias Bischoff, Lektor bei Eichborn

 

Hans Peter Roentgen: Matthias Bischoff, Sie sind Lektor bei Eichborn. Wie kommt Eichborn eigentlich an neue Autoren? Durch unverlangt eingesandte Manuskripte? Durch Empfehlungen anderer Autoren? Gehen Sie die Listen der Literaturpreise durch?

Matthias Bischoff: Zu einem sehr geringen Prozentsatz durch unverlangt eingesandte Manuskripte, vielleicht eins von 200. Größtenteils durch Empfehlungen, Agenten, Anfragen bei Zeitungen, Fernsehen o.ä.

 

Hans Peter Roentgen Was sollte ein Autor tun, bevor er überhaupt Texte an Verlage schickt? Wie kann er feststellen, ob der Text veröffentlichungsreif ist?

Matthias Bischoff: Das bleibt seinem literarischen Gespür überlassen. Bevor ein Autor was losschickt, sollte er sich aber unbedingt über das Profil der Verlage informieren. Dazu reicht es, in eine Buchhandlung zu gehen. Noch besser: Einfach die Internetseiten der Verlage ansehen.

 

Hans Peter Roentgen: Macht es Sinn in einem Verlag erst einmal anzurufen, um festzustellen, ob überhaupt Interesse für einen Text besteht und an wen man den Text senden soll?

Matthias Bischoff: Wenn man sich vorher schon umgetan hat, muss man nicht auch noch anrufen. In Sonderfällen kann das aber trotzdem sinnvoll sein. Bloß: Nie dem Lektor weitschweifig irgendwelche Inhalte erzählen, das geht meistens nach hinten los.

 

Hans Peter Roentgen: Was ist der häufigste Ablehnungsgrund für Texte, von formalen Fehlern (passt nicht in den Verlag, etc.) mal abgesehen?

Matthias Bischoff: Aber eben dies ist doch der häufigste Fehler!!! Das ist nicht einfach bloß ein Formfehler. Wir machen ca. 200 Bücher pro Jahr (davon ca.30 Romane), bekommen aber tausende Vorschläge. 90% davon passen schlichtweg nicht zum Verlag. Aber ich will ehrlich sein: Was natürlich eine Rolle spielt, ist auch die sprachliche Form. Wenn schon im Anschreiben Orthographie und Kommata locker gehandhabt werden, dazu noch Stilblüten wuchern, was kann ich dann vom Text erwarten? Meist lese ich ein paar Seiten und sehe meine schlimmsten Erwartungen bestätigt: Keine Sprache, nur Schulaufsatzniveau, peinliche Patzer in jedem zweiten Satz. Weg damit!

 

Hans Peter Roentgen: Wie sollten eingesandte Texte aussehen? Mit komplettem Manuskript? Oder nur die ersten zehn Seiten? Mit oder ohne Expose?

Matthias Bischoff: Wer 1000 Seiten geschrieben hat (in 99% der Fälle sind das ca.700 unnötige Seiten), sollte vielleicht lieber erst mal nur ein Stück nebst Exposé schicken. Aber wer nur einen 200 -300 Seiten-Roman anpreist, der kann gleich alles schicken. Mir zumindest. Exposé ist immer gut, zwei Seiten reichen, noch detailliertere Inhaltsangaben treiben mich in den Wahnsinn - der Text ist's schließlich, der zählt!

 

Hans Peter Roentgen: Was soll eigentlich in einem Expose drinstehen, was können oder wollen Sie einem Expose zu einem Text entnehmen?

Matthias Bischoff: Inhalt. Genre. Vielleicht Zielgruppe. Etwas über den Autor und seine Vorgeschichte.

 

Hans Peter Roentgen: Ich kenne Texte, da habe ich das Gefühl, der Autor weicht konsequent der Geschichte aus, schlägt überall Haken, wo es interessant wird. Ich kenne das auch von eigenen Texten. Andreas Eschbach hat es mal "die Angst des Autors vor dem eigenen Stoff" genannt. Kommt das bei den Texten, die auf Ihrem Schreibtisch landen, auch vor? Woran kann der Autor diese Falle erkennen, was könnte er Ihrer Meinung nach dagegen tun?

Matthias Bischoff: In der Regel stehen sich Autoren bei der schonungslosen Selbsterkenntnis im Weg. Vielleicht muss das so sein, um die ungeheuerlichen Strapazen des Schreibens über vielleicht Monate, ja Jahre zu ertragen. Außerdem gibt es ja leider keine Wahrheit. Vielleicht kann ein Autor nicht anders erzählen, und vielleicht muss er so erzählen. Ob andere das dann auch lesen wollen, steht auf einem anderen Blatt. Bloß: Ich habe zu entscheiden, was sich -meiner Einschätzung nach- verkauft. Und da ist es wirklich so, dass ich allergisch auf allzu viele Schnörkel und Erzählverhinderungsgesten reagiere. Ich deute das in der Regel bloß an, sage, dass zuviel "behauptet, nicht erzählt" ist. Dagegen kann man dann als Autor nur eins tun: Erzählen, Geschichten spinnen, Figuren leben lassen, Charaktere entwickeln. Wie das geht, weiß ich auch nicht - sonst wäre ich ja selbst Autor. Aber: Ich weiß, wie's auf keinen Fall geht, und da schreite ich ein!

 

Hans Peter Roentgen: Wenn ein Text angenommen wird, wie viel Arbeit steht dann für Autor und Lektor noch ins Haus? Oder nehmen Sie nur Texte, die so wie sie sind in Druck gehen können?

Matthias Bischoff: Ich habe selten bis nie erlebt, dass ein Text so in Druck geht, wie er geschrieben wurde. Die Arbeit ist unterschiedlich, lässt sich schwer beziffern. Es gibt sicher Texte, bei denen der Lektor nur noch eine Art Schlussredaktion macht - Textveränderung 1%. Aber auch solche, wo man eine dritte, vierte Fassung bekommt und immer noch nicht zufrieden ist und schließlich selbst Hand anlegt - Textveränderung 50%. Das Gros liegt irgendwo dazwischen.

 

Hans Peter Roentgen: Gibt es so was wie Qualitätssiegel, das einen Text für einen Lektor so interessant macht, dass er das Manuskript auf jeden Fall genauer prüft? Literaturagenten, Empfehlungen bereits veröffentlichter Autoren, Literaturpreise, wie gehen Sie damit um?

Matthias Bischoff: Für mich persönlich nicht. Natürlich gibt es Agenten, bei denen weiß man, dass man nie unter einem bestimmten Niveau bedient wird, aber nichts ersetzt die eigene Lektüre. Ich lese, bin gelangweilt, gefesselt, genervt - das ist's und im Endeffekt nichts sonst!

 

Hans Peter Roentgen: Wer gerne Fußball spielt, fängt vielleicht in der Kreisklasse an, besucht Trainingslager, spielt irgendwann in der Landesliga und hofft, dass er, wenn er intensiv genug trainiert und genügend Talent hat, einmal in der Bundesliga landen wird. Beim Schreiben gibt es diese Hierarchie nicht, da wollen alle gleich bei Suhrkamp oder Eichborn veröffentlichen. Glauben Sie, in den USA ist dies anders? Gibt es dort wegen der vielen creative-writing Seminare eher die Möglichkeit, durch entsprechendes Training langsam immer besser zu werden?

Matthias Bischoff: Da bin ich skeptisch, was die sogenannte Literatur angeht. Aber gute Unterhaltung, handwerklich sauber gestrickte Romane mit einem überschaubaren Plot - das müsste sich lernen lassen, wenn man ein Minimaltalent an Fabulierkunst und etwas Fleiß mitbringt.

 

Hans Peter Roentgen: Bertelsmann hat in München eine Schreibwerkstatt. Sie machen ebenfalls Seminare. Tun Sie das nebenher oder gehört das zu Ihrem Job? Welche Seminare sind das?

Matthias Bischoff: Meine Aktivitäten in dieser Richtung sind eher sporadischer Natur - ich bin zeitlich gegenwärtig einfach zu sehr eingespannt.

 

Hans Peter Roentgen: Glauben Sie, das man durch Schreibworkshops Schreiben lernen oder verbessern kann? Nützen Bücher über das Schreiben, Zweitausendeins hat ja mittlerweile eine ganze Reihe davon?

Matthias Bischoff: Puuh und tja. Wie ich eben schon sagte: Ein bisschen was geht sicher zu verbessern. Soll aber keiner glauben, dann beim Feuilleton ernst genommen zu werden.

 

Hans Peter Roentgen: Kannten Sie den Tempest-Newsletter vor diesem Interview?

Matthias Bischoff: Klares nein. Sorry.

 

Hans Peter Roentgen: Eines Nachts wachen Sie auf, eine wunderschöne Fee steht neben Ihrem Bett und sagt: "Lieber Matthias Bischoff, Sie haben sich so tapfer mit Autoren herumgeschlagen, das soll belohnt werden. Sie haben einen Wunsch bezüglich Ihre Autoren frei." Was wünscht Matthias Bischoff sich von den Eichborn Autoren?

Matthias Bischoff: Neugier. Witz. Genaue Beobachtung. Lust an der Zuspitzung. Lust am Erzählen(!!). Lust an der Gegenwart. Und schließlich eine gewisse Professionalität was den Buchmarkt angeht. Das Wissen, dass man da mit den Wölfen heulen muss und gewisse Spiele spielen muss, um einen Titel -ungeachtet seiner Qualität- überhaupt über die Wahrnehmungsschwelle zu hieven. Und dazu noch: Demut, Unzickigkeit, unbedingte Liebe zum Lektor, Gehorsam, Unterwürf......

 

Hans Peter Roentgen: Lieber Herr Bischoff, hier müssen wir abbrechen - herzlichen Dank für das Gespräch

 

Das Interview erschien in dem Autorenmagazin tempest

 

 

 

 

 

 

 

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