Kalle Blomquist, der Superdetektiv spürt nicht nur Verbrecher auf. Außerdem ist er ein Ritter der weißen Rose und kämpft um den Großmummrich.
Zwei Handlungsstränge, die zunächst nichts miteinander zu tun haben.
Der Club der Verlierer in „Es“ besteht aus sieben Kindern. Er hat nicht nur eine gemeinsame Geschichte – der Kampf gegen „Es“, das Böse im Untergrund der Stadt -, jeder der Kinder hat auch seine eigene Geschichte. Stephen King wechselt immer wieder zwischen dem Hauptstrang (der Kampf gegen „Es“) und den Geschichten der einzelnen Kinder hin und her.
Oft scheinen die unterschiedlichen Plots gar nichts oder wenig miteinander zu tun zu haben. In „Es“ sind es die Geschichten von sieben „Verlierern“. Das einzig Gemeinsame: Sie alle wurden irgendwann mit „Es“ konfrontiert.
Wenn sich Plots Szenen- oder Kapitelweise in einem Roman abwechseln, wenn mehrere Handlungsstränge verknüpft werden, sagt man, sie werden “gebraidet“ (Braiding =Flechten).
Im Extremfall kann es sich erst ganz am Schluss herausstellen, was die einzelnen Handlungen miteinander zu tun haben.
Verschiedene Blickwinkel
In vielen Fällen ist von Anfang an klar, was die einzelnen Handlungsfäden miteinander zu tun haben. Der eine Strang ist die Geschichte des Helden, der andere der des Bösewichts. Beide erzählen die gleiche Geschichte, aber jeder aus seiner Perspektive. So kann der Autor dem Leser Einzelheiten mitteilen, die die Hauptfigur gar nicht wissen kann. Als Leser schauen wir durch die Augen mehrerer Personen und können damit auch unterschiedliche Blickweisen auf die gleiche Handlung wahrnehmen. Wir lernen die Sichtweise und Motivationen verschiedener Figuren kennen, können selbst entscheiden, welche der Hauptfiguren uns persönlich am meisten zusagt, da wir nicht daran gebunden sind, einer bestimmten Figur durch das ganze Buch zu folgen.
Zum Beispiel erleben die Leser zuerst die eingekerkerte Gefangene, der die Flucht gelingt. Mit ihr freuen sie sich: Endlich frei! Dann wechselt die Perspektive zu der eigentlichen Protagonistin, die die entkommene Antagonistin wieder einfangen muss. Jetzt wird vielleicht klar, dass die Gefangene ganz zu Recht verurteilt wurde.
Äußere Handlung und innere Entwicklung
Oder die eine Geschichte ist die äußere Handlung – der Held zieht aus, den Drachen zu töten und die Prinzessin zu retten – und die andere ist der innere Plot – der Held wächst an seiner Aufgabe, er verwandelt sich, wird er“wachsen“. Die meisten erfolgreichen Bücher - selbst action-Thriller – haben eine derartige innere Entwicklung.
Eine Abwandlung dieser Technik ist der „comic relief“. Mit Witz, Ironie, aber auch Albernheit kann man den Lesern nach besonders aufregenden Szenen entspannen. Oft gibt es dafür eigene Nebenfiguren, deren Hauptaufgabe es ist, genau diese Entspannung zu garantieren. Hadschi Halef Omar und der Hobble Frank bei Karl May sind solche Beispiele. Auch in diesem Fall handelt es sich um Nebenhandlungen, die zunächst nichts mit der Haupthandlung zu tun haben.
Aufgabe
Gibt es in eurem Projekt eine äußere und eine innere Handlung? Wie sehen diese aus? Schildert beide mit genau einem Satz (nicht mehr)!
Völlig unterschiedliche Handlungsstränge
George R.R. Martin hat mit dem vierbändigen Werk „A Song of Ice and Fire“ wohl eines der ausgearbeitetsten Beispiele für Braiding geliefert. Gut hundert verschiedene Perspektiven wechseln sich ab und werfen immer neue Schlaglichter auf das Phantasieland, das infolge von Thronstreitigkeiten in Anarchie und Bürgerkrieg versinkt. Das einzige, was die verschiedenen Stränge verbindet, ist die gemeinsame Welt, in der die Personen leben.
Vor allem historische und gesellschaftliche Entwicklungen lassen sich durch eine solche Technik viel leichter darstellen. Wir erleben „A Song of Ice and Fire“ durch verschiedene Augen; verschiedene Personen haben unterschiedliche Ziele und Wünsche und damit eben auch unterschiedliche Plots.
Genauso kann man das dritte Reich nicht nur durch eine Figur, sondern durch viele verschiedene Charaktere beschreiben. Nazis und Mitläufer, Widerstandskämpfer und Gleichgültige, Opfer und Täter lassen den Leser die Faszination, aber auch die Bosheit der Naziwelt erleben.
Mit dieser Technik kann man auch ganz einfach Cliffhänger einbauen. Der Held ist beim Kampf auf dem Gipfel abgerutscht, hängt nur noch mit einer Hand am Felsen, unter sich hundert Meter Luft. Gemein grinsend holt der Bösewicht mit dem Stiefel aus, um ihm mit voller Kraft auf die Finger zu treten. – Schnitt – Wir schwenken zu dem Kollegen des Helden um, der nach Hause kommt und einen Brief seiner Frau entdeckt. Sie teilt ihm mit, dass sie ihn verlassen hat.
Die meisten Autoren begnügen sich allerdings mit zwei Handlungssträngen, mit vier bis fünf Perspektiven. Schon das ist schwierig genug zu meistern. Denn jeder Wechsel will gut überlegt sein und muss den Leser mitreißen.
Cliffhänger alleine genügen nicht
Natürlich kann man einfach an der spannendsten Stelle aufhören. Aber dann muss man auch eine andere Szene haben, die den Leser in Bann schlägt. Denn sonst verliert man ihn. Es reicht eben nicht, an einer spannenden Stelle aufzuhören, man muss gleichzeitig in eine andere spannende Szene eintauchen. Und Eintauchen heißt auch, dass man dem Leser Zeit geben muss. Die andere Handlung, das andere Umfeld, die anderen Personen müssen etabliert sein. Mit hektischem Hin- und Herspringen kann man leicht den Leser verlieren. Jede einzelne Szene braucht ihren Spannungsbogen. Und jeder Handlungsstrang für sich auch.
Eine enorme Gefahrenquelle liegt eben darin, dass die Szenen oder Kapitel so kurz werden, dass die Atmosphäre darunter leidet und der Leser immer wieder aus dem Buch “herausfällt”, ohne den Weg “zurückzufinden”. Der Spannungsbogen muss den Wechsel unbedingt überleben!
Viele Autoren finden es mühselig, beim Schreiben an der spannendsten Stelle abzubrechen und sich in eine andere Figur hineinzuversetzen. Um das zu erleichtern, bietet sich an, erst alle Szenen des ersten Plots, der ersten Perspektive zu schreiben, dann die Szenen des anderen Handlungsstranges und die Textbausteine erst danach zu braiden. Dafür ist es enorm nützlich, einen recht genauen Ablaufsplan des Romans zu haben, damit man nicht unbedingt linear schreiben muss, sondern sich selbst an seinen Plan orientieren und sich beim Schreiben frei in seinem Roman bewegen kann.
Braiden verlangt also nicht nur einen Plot, nicht nur eine Folge von Szenen, deren jede ihren Spannungsbogen hat, sie verlangt mindestens zwei Plots. In der Regel ist einer davon der Hauptstrang, die anderen die Nebenstränge. Aber jeder Strang muss genauso gut geplant und ausgeführt sein. Und spätestens am Ende des Romans muss klar werden, was die einzelnen Handlungsstränge miteinander zu tun haben.
Gelingt das, wird den Lesern das Aussteigen aus dem Buch fast unmöglich, selbst wenn sie sich über den Wechsel ärgern und das Spiel durchschauen. Sie werden trotzdem weiterlesen. Es muß dabei gar nicht wirklich um eine Action-Szene gehen. Es kann sein, daß die Antagonistin sich gerade mit einer wichtigen Entscheidung trägt, die sie aber (noch) nicht trifft – und die die Leser mit Spannung erwarten: Wird sie ihm ihre Liebe gestehen? Doch dann wechselt der Autor zu dem Kommissar, der eine neue Spur entdeckt, die der Handlung eine ganz andere Richtung gibt.
Aufgabe:
Gibt es bei euch mehrere Handlungsstränge neben dem inneren/äußeren? Falls ja, schildert jeden dieser mit einem Satz.
Aufgabe:
Überlegt euch einen Cliffhänger in eurem Projekt. Beschreibt in einem Satz die erste Szene und wo sie abbricht. Dann in einem weiteren Satz, wo die nächste Szene einsetzt.
Zusatzaufgabe für ganz Eifrige
Nehmt euch einen Roman vor, der mehrere Handlungsstränge, mehrere Perspektiven hat. Verfolgt an Beispielszenen, wo der Autor mit dem einen Strang aufhört und wo er mit dem nächsten wieder einsetzt. Wie wird ein Strang verfolgt, wann wechselt die Handlung wieder?