Als ich etwa fünfzehn war, verhinderte mein ältester Bruder, dass
ich eine Hose bekam, die hinten einen Reißverschluss hatte (der letzte
Schrei damals). Mir war sofort klar, dass es daran lag, dass mein Po
dadurch zu sehr betont wurde. Aber niemand sprach das aus. Mein Bruder
sagte nein, und meine Eltern gehorchten ihm. Sie fanden es gut, dass er
auf die Ehre und Moral seiner Schwester achtete. Die deutschen
Freundinnen meines Bruders trugen solche Hosen. Das war für ihn
natürlich etwas anderes. Ich erinnere mich noch heute, wie sich damals
die Scham einstellte, die mich lange begleiten sollte.
Die Scham darüber, ein Mädchen zu sein.
Seit etlichen Jahren radikalisiert sich der Islam, die Kopftücher, die
früher kaum zu sehen waren, haben überhand genommen und finanziert von
Saudi-Arabien hat die extrem orthodoxe wahabitische Auslegung einen
Siegeszug angetreten.
Scham und Schande
Doch immer schon war für den Islam vieles „ayib“, also unanständig, was
Mädchen und Frauen betraf. Ates bringt eine Fülle von Material,
Berichte von Muslimen, Zitate aus Koranauslegungen, die drakonischen
Strafen, wenn ein Mädchen die Regeln nicht beachtet, Das ist nicht neu,
einzelnes hat man es geahnt, hier oder dort etwas gelesen.
Neu ist, dass es Ates einmal konsequent zusammengestellt hat. Dass sie
es auszusprechen wagt, denn Sex und Islam, darüber spricht man nicht.
Nicht als Muslim, weil es eben ayib ist, nicht als Nichtmuslim, um die
Gefühle der Muslime nicht zu verletzen. Leider muss es ausgesprochen
werden. Denn gerade die Tatsache, dass es unter den Teppich gekehrt
wird, lässt es gären. Wer nicht über Sex sprechen mag, wittert bald
überall Sex, sexualisiert alles. Viktorianische Ladies legten angeblich
Tischdecken auf, die bis zum Boden reichten, damit man die Beine nicht
sah – und sich dabei etwas schlechtes dachte.
Das Kopftuch schützt nicht - es fordert heraus
Seit die Kopftücher und die Verschleierung in Kairo zugenommen haben,
nehmen sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit zu. Dabei wird das
Kopftuch damit verteidigt, dass es verhindere, dass Männer an Sex
denken und sich von ihren Hormonen überwältigen lassen. Ich bin nicht
für Sex zu haben, soll das Kopftuch sagen, doch offenbar sagt es etwas
ganz anderes. Auch die verdeckten Tischbeine haben nicht verhindert,
dass in den puritanischen Gesellschaften des 19 Jahrhunderts alles
sexualisiert wurde. Hinter allem und jedem witterten die Moralhüter
sexuelle Anspielungen.
Ates macht nicht wie viele den Fehler, dass allein dem Islam
zuzuschreiben. Ausführlich erzählt und begründet sie, dass das
Deutschland vor 68 ebenso prüde war. Viele Mädchen durften in der
Schule nur Röcke tragen, die Mutter waren fest davon überzeugt, dass
die Töchter nur „rein“, dh. unnberührt, einen Mann finden würde. Und
dass jeder als Grillhähnchen in der Hölle landen würde, der gegen die
rigiden Sexregeln verstieß, hier auf Erden würde ihm vorher noch als
gerechte Strafe das Rückenmark dahinschmelzen und seine Haut fahl
werden.
NIcht nur der Islam ist prüde
Katholizismus und Islam haben mehr miteinander gemein, als so mancher
wahrhaben will. Nur hat der Katholizismus sich seit 68 emanzipiert,
kaum ein Katholik lässt sich heute vorschreiben, ob er Verhütungsmittel
benutzen darf. Dass eine christliche Partei schwule Ministerpräsidenten
duldet, wäre vor 68 völlig undenkbar gewesen. Damals stand auf
Homosexualität Gefängnisstrafe, wie heute immer noch (oder schon
wieder) in vielen islamischen Ländern.
Und genau wie im Islam gab es in der prüden Bundesrepublik eine
Doppelmoral, eine Pflicht, nicht darüber zu reden, das, was offiziell
jeder tat und das, was die Meisten denn doch taten. Die Pflicht der
Frauen, ihre "ehelichen Pflichten" immer und überall über sich ergehen
zu lassen, war sogar gesetzlich festgeschrieben.
Mit zahlreichen Vorurteilen räumt die Autorin auf, etwa der vom
sinnenfrohen Islam. Zwar findet sich davon tatsächlich das eine oder
andere im Koran, im Alltag der meisten Muslime sieht es aber ganz
anders aus. Interessant, dass nicht nur orthodoxe katholische Theologen
in jeder Frau den Teufel sahen, sondern auch viele muslimische Männer
ähnliche Assoziationen hegen.
Wir sprechen nicht über Sex, dann gibt es auch keinen
Diese rigide Moral in Tateinheit mit dem Schweigen verhindert auch Emanzipation und Demokratie, davon ist Ates überzeugt.
Oswald Koll hat in den Sechzigern, Sheron Hite in den Siebzigern das
Tabuthema Sex öffentlich gemacht. Der Islam braucht heute ähnliches, um
sich zu emanzipieren. Erscheint das manchem illusorisch? Dann möge er
sich daran erinnern, wie illusorisch es Anfang der Sechziger gewesen
wäre, auf ein Deutschland zu hoffen, in dem Homosexuelle sogar
Ministerpräsidenten und Parteivorsitzende werden können. Gesellschaften
und Religionen wandeln sich. Heute argumentieren selbst orthodoxe
Islamseiten im Internet mit dem Koran gegen Zwangsheiraten. Ob das
immer ehrlich gemeint ist, sei dahingestellt, aber es gibt zumindest
Mädchen, denen die Zwangsverheiratung droht, Argumente in die Hand. Und
Seyran Ates ist beileibe nicht die einzige Deutsch-Türkin, die es wagt,
anzusprechen, was lange unter dem Teppich blieb.
Das Buch ist wichtig, weil es ein Tabu bricht. Weil es endlich einmal
in der Öffentlichkeit zusammenstellt, was immer gerne verschwiegen
wird. Weil es Mut macht.
Ein Fanatiker bleibt selten allein
Peinlich sind, wie immer bei diesem Thema, die Reaktionen. In den
Leserforen der „Welt“ polemisieren Rechte aus Anti-Islam Seiten, dass
eine Türkin hier in Deutschland nichts zu sagen habe. Der CDU Politiker
Bülent Arslan meint, dass Ates Geld in der „Islamophobie“-Industrie
verdiene. Offenbar hat sich die Autorin seiner Meinung nach von Bülents
Glaubensgenossen beinahe ermorden lassen, um reich zu werden.
Homepage der Autorin
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution: Eine Streitschrift, Sachbuch, Seyran Ates, Ullstein, Oktober 2009
ISBN-13: 978-3550087585, gebunden, 219 Seiten, Euro 19,90
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