Worte, die wirken
 

Leseprobe Sherlock, Watson und eine KI, die fremd geht

Am Dienstagmorgen klopfte es früh. Viel zu früh.
»Herein«, stöhnte ich. Mich um acht Uhr zu wecken, ist ein eklatanter Verstoß gegen die Menschenrechte.
Watson, mein neuer Butler, gestern gekauft, betrat das Zimmer. Sein Gesicht zuckte. Ach ja, die Freigabe.
»Mouth ON«, sagte ich. Vielleicht besser, ich stellte ihn nicht mehr ab. Auch wenn er mir dann das Ohr vollredete.
»Guten Morgen, Sir«, begrüßte er mich. »Wie gestern abgesprochen, bringe ich Ihnen das Frühstück. Draußen regnet …«
Ich öffnete schon den Mund, um seinen zu schließen. Aber er begriff, dass es Zeit war zu schweigen.
»Warum so früh?«, fragte ich.
»Sir, Sie sagten gestern, Frühstück wie üblich. Das ist bei den Humans durchschnittlich acht Uhr …«
»Deine durchschnittlichen Humans können mich mal! Ich frühstücke um zehn. NICHT FRÜHER!«
»Sehr wohl, Sir, ich habe das abgespeichert. Ich komme dann später.« Und damit wollte er samt Frühstück den Raum verlassen.
»Halt!«, rief ich.
»Sir?«
»Das Frühstück!«
»Sehr wohl, Sir.« Er verbeugte sich, ohne dass etwas auf dem Tablett verrutschte, und wollte es auf meinem Nachttisch abstellen. Der war durch unzählige Bücher belegt. Seufzend räumte ich sie aufs Bett und er stellte das Frühstück auf den Nachtisch. Auch das Milchkännchen hatte er nicht vergessen. Ich goss mir den Schwarztee ein. Dunkel, wie ich ihn liebte. Er verließ das Zimmer und langsam wurde ich wach.
Da klopfte es erneut.
»Nein«, rief ich empört. »Was zum Teufel ist los?«
»Sir, Kundschaft. Sie müssen sich anziehen, wenn ich das sagen darf. Ich halte ihn solange auf. Ich bin gut im …«
»Ja, ja«, sagte ich und schwang mich aus dem Bett. Als ich in die Hose schlüpfte, klingelte es.
Ein Kunde! Das war ein Glückstag!
Doch wieso wusste Watson schon vor dem Klingeln, dass ein Kunde kam? Eilig zog ich die Socken an, aber stolperte beim Anziehen über die Bücher und fiel hin.
»Ja, Sir, Sherlock wird gleich kommen. Er bespricht gerade mit einem Kunden den Abschlussbericht«, hörte ich Watson durch die Tür. »Wenn Sie mir bitte folgen würden. Was kann ich Ihnen anbieten?«
Riskant, in der kleinen Küche gab es Tee, aber sonst nur leere Flaschen.
Ich hörte Schritte im Flur. Watson sprach weiter, diesmal mit einem dezent schmeichelnden Unterton: »Sir, setzen Sie sich doch schon einmal. Sherlock wird gleich zu Ihnen stoßen. Darf ich Ihnen Tee anbieten?«
»Danke nein, ich bin in Eile. Es geht um einen dringenden Fall.« Seine Stimme verriet Nervosität.
Watson klopfte an meine Tür. »Sir, ich empfehle Dringlichkeit. Der Herr klingt äußerst besorgt.«
Ich strich mir durchs Haar, warf einen Blick auf den Wecker – zehn Minuten nach acht. »Führ ihn ins Büro. Ich komme sofort.«
Watson nickte und verschwand. Ich atmete tief durch. Ein Kunde in aller Frühe. Das konnte entweder lukrativ oder problematisch werden. Oder beides.
Ich zog mir rasch ein Hemd über, fuhr in die Hose und betrat das Büro. Ein älterer Mann mit beginnender Glatze saß auf dem Besucherstuhl. Seine Hände umklammerten eine alte Lederaktentasche, seine Stirn glänzte feucht. Er war einer dieser Männer, die nirgendwo auffallen würden und sich glücklich schätzten, wenn sie übersehen werden.
»Sherlock Holmes?«, fragte er.
»Sherlock, ja. Holmes, nein«, korrigierte ich. »Wie kann ich helfen?«
Er beugte sich vor und senkte die Stimme. »Mein Name ist Johannes Winkler. Ich arbeite für ein Institut, ein führendes, deutsches Institut – offiziell. Inoffiziell beschäftige ich mich mit Fällen, die … die komplizierter sind. Und dieser hier ist äußerst kompliziert.«
Watson, der diskret im Türrahmen stand, warf mir einen vielsagenden Blick zu. Aber er schwieg, was ihm schwerfiel.
»Erzählen Sie weiter«, sagte ich.
Winkler wischte sich über die Stirn. »Daten sind verschwunden. Hochsensible Informationen. Wir haben interne Protokolle überprüft, aber es gibt keine Spur von einem digitalen Einbruch.«
Ich lehnte mich zurück und musterte ihn. »Also vermuten Sie einen Insider?«
Er nickte. »Ja. Oder etwas noch Schlimmeres. Ich brauche Ihre Hilfe, Mr. Sherlock. Wenn diese Daten in der Öffentlichkeit auftauchen, könnte das katastrophale Folgen haben.«
Kein Zweifel, so nervös, wie er war, fürchtete er, ihm würde die Schuld zugeschoben werden. Und er würde auffallen, vermutlich hatte er davor die meiste Angst.
»Waren Sie schon bei der Polizei?«
»Um Gottes willen, nein. Das alles muss geheim bleiben!«
»Aber die Polizei …«
»Die Polizei, da gibt es Leute, die geben alles an die Presse und verdienen damit gut.«
»Und das soll nicht an die Presse gelangen?«
»Nein. Sonst wissen die, die es geklaut haben, wie wertvoll es ist.«
»Warum wurde es dann geklaut?«
»Das eben sollen Sie ermitteln! Und die Daten wieder herstellen.«
»Können Sie nicht das Back-up aufspielen?«
»Viel zu gefährlich. Kein Back-up.«
Langsam wurde der Fall interessant. Wenn jemand kein Back-up im Netz nutzte, dann deshalb, weil er sich vor dem Staatstrojaner fürchtete.
Ich rieb mir das Kinn. »Haben Sie eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte?«
Winkler zögerte. »Es gibt da jemanden … aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so weit gehen würde.«
»Name?«
»Dr. Lena Voss. Unsere ehemalige Sicherheitsexpertin. Sie wurde entlassen, nachdem sie versucht hatte, auf geschützte Bereiche zuzugreifen. Aber sie ist brillant. Wenn jemand es schaffen konnte, unbemerkt Daten zu entfernen, dann sie.«
Watson, der bisher schweigend zugehört hatte, räusperte sich plötzlich. »Sir, wenn Sie erlauben …«
Winkler sprang auf, sein Gesicht voller Panik. »Der hat uns abgehört!« Seine Augen huschten umher, suchten nach Überwachungskameras oder anderen Abhörgeräten. Dass man Abhörgeräte, jedenfalls die guten, mit bloßem Auge nicht wahrnehmen konnte, das wusste er nicht. Konnte es sein, dass er mit seiner Aufgabe hoffnungslos überfordert war?
»Beruhigen Sie sich«, sagte ich. »Watson nimmt einfach nur alles wahr – mehr nicht. Und jetzt, Watson, was wolltest du sagen?«
Watson nickte. »Shadow-Coding, Sir. Es könnte sein, dass die Daten nie richtig gespeichert wurden. Sie verschwinden nach einer bestimmten Zeit oder einem Trigger-Ereignis.«
»Danke, Watson.«
Winklers Gesicht hatte jede Farbe verloren, er umklammerte seine Aktentasche, bis die Finger ebenfalls weiß angelaufen waren.
»Das heißt … die Daten könnten gelöscht worden sein, ohne dass wir es merken?«
Ich hob eine Augenbraue. »Wie ist Ihr System vernetzt? Wer hat Zugriff?«
Winkler schüttelte den Kopf. »Das ist das Merkwürdige. Der betroffene Computer steht in einem abgeschlossenen Raum. Er hat keine Netzwerkanbindung.«
Watson und ich tauschten einen Blick. »Dann wollen wir uns das mal ansehen.«
Ich erhob mich.
»Tagessatz 400 CO₂, habe ich das schon gesagt?«
Die verschlossene Kammer
Winkler führte uns in ein mehrstöckiges Bürogebäude, strahlend weiß verputzt. Wir stiegen eine Treppe hinauf, gingen durch einen schmalen Flur vorbei an dunklen Türen, grauen Wänden, abgelaufenem Fußboden. Ich roch Putzmittel und alte Akten. Schließlich blieben wir vor einer Tür stehen, die mit einer beachtlichen Anzahl von Sicherheitsschlössern versehen war. Zwei Zahlenschlösser, ein Handflächenscanner und eine Kamera darüber, waren zusätzliche Sicherheitsmerkmale.
»Übertriebene Vorsicht?«, erkundigte ich mich bei Winkler.
Er schüttelte den Kopf. »Notwendige Vorsichtsmaßnahme.« Er gab den Code ein, legte seine Hand auf den Scanner, und nach einem leisen Klack schwang die Tür auf.
In der Mitte stand ein schlichter Tisch, darauf ein schwarzer Kasten mit einer Tastatur davor. An der Wand eine niedrige Kommode mit drei Schubladen darunter – vermutlich alte Datenspeicher, Kabel und Digitalkram. Gegenüber stand ein abgewetztes Feldbett, wie es sich in vielen IT-Büros findet, damit die eifrigen ITler auch mal schlafen gehen konnten.
Ansonsten strahlten mich weiße Wände, frisch tapeziert, an und ein neuer Fußboden, der nicht abgelaufen war. Ein wenig roch es noch nach Klebern. Aber auch nach dem, was elektronische Geräte ausduften, wenn sie lange benutzt werden.
Ich trat zum Tisch und hob den schwarzen Kasten auf. Einige Staubflusen flogen aus den Entlüftungsschlitzen auf.
»Nein!«, schrie Winkler auf. »Das ist ein Neuro-Bag!«
Überrascht ließ ich das Gerät los – es fiel zurück auf den Tisch mit einem dumpfen Schlag.
Winkler stöhnte und zeigte auf den Kasten. »Da waren die verlorenen Daten drin.«
»Sir, wenn ich etwas bemerken dürfte …«, hub Watson an.
»Später«, befahl ich und schaute ihn streng an. Ich vermutete, dass diese neuen Butler genau wie Autisten nur die Wahrheit sagen konnten. Und da gab es einige Gedanken in meinem Kopf – und vermutlich auch in Watsons – die Winkler besser nicht erfahren sollte.
»Welche Schnittstellen gibt es? USB, WLAN, Bluetooth?«
»Um Gottes willen, nichts, was durch Strahlen verbreitet werden kann, auf keinen Fall.«
»Sir, und was ist das?« Watson deutete auf eine breite Buchse.
»Später«, sagte ich scharf zu ihm. Dass er schweigen sollte, hatte er wohl vergessen.
»Ein Neuroport-Stecker«, erwiderte Winkler. Ich warf Watson einen warnenden Blick zu. Das sollten wir später draußen besprechen, aber nicht hier vor Winkler.
»Der Computer wird also für Neuromedia genutzt?«
»Ja, Neuromedia.« Winkler Gesicht gewann deutlich Farbe.
»Und wie wurden die Daten auf das Gerät aufgespielt?«
»Über diese Schnittstelle.«
»Und von wem?«
»Äh, natürlich von mir.«
»Nachdem Sie die Daten von wo erhalten haben?«
Winkler schaute mich entsetzt an. »Das ist geheim.«
»Und dort, wo Sie diese geheimen Daten her haben, dort sind sie nicht mehr? Warum?«
»Weil sie gelöscht wurden. Sie waren dort zu unsicher. Ein spezieller Ort für Daten. Sehr speziell.«
»Den Sie mir nicht verraten dürfen?«
»Nein, wirklich nicht, das ist mir aufs Strengste untersagt. Wir haben interne Protokolle überprüft, aber es gibt keine Spur von einem digitalen Einbruch. Und doch – sie sind weg.«
»Wenn ich Sie richtig verstehe, soll ich Ihnen also verschwundene Daten wiederbeschaffen, von denen ich nicht wissen darf, wo sie herstammen noch wie sie aussehen?«
»Nun ja, ich würde es nicht so streng …«
»Wie dann?«
»Sie sollen die Daten nicht untersuchen, sie nur zurückbringen.«
»Watson, kommen Sie. Einen Auftrag ohne Zielbeschreibung lehne ich ab. Da wäre es leichter, ein Haus zu entdecken, dessen Aussehen Sie mir nicht verraten wollen, und nicht, in welcher Stadt es steht.«
Ich öffnete die Tür – das Verlassen war offensichtlich ohne Personenkontrolle möglich – und ging auf den Flur. Watson folgte mir. Doch bevor die Tür zufiel, schoss Winkler heraus. Er schaute sich nach rechts und links um, sah niemanden und flüsterte: »Entschuldigung, Sie erhalten sie morgen.«
»Wieso nicht heute?«
»Ich muss erst Erlaubnis von ganz oben einholen. Im Moment ist alles hier ziemlich chaotisch. Ich meine …«
»Wie lange haben Sie bereits die Aufgabe?«
»Ähm …«
»Lassen Sie mich raten: Drei Wochen? Drei Monate?«
Er schaute auf den Boden, abgelaufenes, braunes Laminat, das Eichenparkett vortäuschen sollte. »Nun ja, drei Monate.«
»Und vorher? Was haben Sie vorher gemacht?«
»Assistent der Geschäftsleitung. Meine Arbeit dort wurde sehr geschätzt.«
»Schön für Sie. Aber mit den Daten dort drinnen haben Sie nicht gearbeitet?«
»Nein, das durfte ich gar nicht, ich …«
»Und wer hat das vor Ihnen getan? Frau Voss?«
Winkler nickte verlegen. »Dr. Lena Voss. Sie wurde vor drei Monaten gekündigt.«
»Und sonst?«
»Niemand. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Dr. Voss …«
»Niemand kann sich vorstellen, was Bekannte alles anstellen können. Morgen um die gleiche Zeit stehen Sie hier vor der Tür, lassen uns in den Raum und erzählen uns alles. Welche Daten, welchen Zugriff und wer noch, außer Dr. Voss, sich hätte Zugriff verschaffen können. Ist das klar?«
Wieder nickte er.
»Falls nicht, behalte ich die Anzahlung und beende den Job wegen mangelnder Zusammenarbeit. Guten Tag.«
Ich wandte mich ab. Mit schnellen Schritten ging ich die Treppe hinunter zum Eingang. Watson folgte mir nach kurzem Zögern. Ich riss die Tür auf und wir standen auf der Straße.
»Sir, das klingt alles sehr mysteriös. Wir sollen Daten beschaffen, aber nicht wissen, was in acht Bits Namen diese Daten enthalten.«
Die Warnung aus dem Nichts
Wir betraten die Straße und gingen eine Weile schweigend weiter, bis das Bürogebäude außer Sicht war. Auf der anderen Straßenseite warben große Schaufenster für Bio-Textilien (garantiert ohne Gentechnik), für Akku-Recycling und 3D-Gebisserstellung.
Winklers Verhalten ließ mir keine Ruhe. Er war nicht nur wegen der Daten nervös gewesen, sondern auch wegen etwas anderem, dessen war ich mir sicher.
»Sir, darf ich anmerken, dass diese Geschichte von vorne bis hinten … äh riecht? Sagen das Humans so?«
Ich seufzte. »Nein, von vorne bis hinten stinkt, so sagen das Humans. Aber du hast recht. Das stinkt. Winkler ist entweder ein schlechter Lügner oder er weiß selbst nicht, was gespielt wird.«
»Sir, Winkler hatte die Tür offengelassen und uns nachgeschaut.«
»Ja«, sagte ich.
»Ich glaube, eine Frau ist dann mit ihm ins geheime Büro verschwunden.«
Ich blieb stehen. »Bist du dir sicher?«
»Ziemlich sicher. Ich bin hinter Ihnen gegangen und deshalb konnte ich es noch sehen.«
Mein Handy vibrierte. Nummer unterdrückt. Ich drückte auf Empfang und in meinem Ohr meldete sich eine Stimme.
»Hören Sie, Sherlock.« Die Stimme war verzerrt, klang aber nach dem neuesten James-Bond-Schauspieler. »Sie waren gerade im Institut für intelligente Digitalisierung. Ich bin ein Freund. Ich …«
»Wer sind sie?«
»Einfach ein Freund. Lassen Sie diesen Fall ruhen. Es gibt Dinge, die sollten besser verborgen bleiben.« Im Hintergrund lärmten Kinder und Autoverkehr.
Watson sah mich fragend an, doch ich ignorierte ihn. »Und wenn ich das nicht tue?«
Ein kurzes Schweigen. Dann: »Sie werden entweder scheitern und Ihren Ruf ruinieren. Oder Sie finden die Daten – dann kann ich nicht garantieren, dass Sie die nächste Nacht überleben. Denken Sie an das, was in Amsterdam passiert ist.«
Die Leitung wurde unterbrochen. Ich steckte das Telefon ein.
Watson runzelte die Stirn. »Sir?«
»Watson, ich fürchte, dieser Fall ist weitaus größer, als wir dachten.«
Ich drehte mich nach rechts und links um. Die Straße war menschenleer. Zu leer. Ein Schatten bewegte sich hinter den 3D-Druck-Gebissen – oder hatte ich mir das eingebildet? Watsons Haltung wurde steif, als hätte er es auch bemerkt.
»Sir, ich wette zehn CO₂, dass wir verfolgt werden.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nicht hier. Nicht so auffällig. Aber ich rechne damit, dass wir nicht allein sind.«
Im Café
Wir kamen zu einem kleinen Café mit Terrasse. Ich lächelte der Kellnerin drinnen zu. Sie lächelte zurück.
Und ich sagte: »Nach solchen Kunden brauche ich einen Cappuccino.«
»Sir, keinen Tee?« Watson hob die Augenbrauen.
»In deutschen Cafés Tee zu bestellen, grenzt an tödlichen Leichtsinn. Sie geben dir einen Teefilter mit Tee auf einer Untertasse mit warmem Wasser in der Tasse darunter.« Ich betrat das Lokal. Watson schwieg und folgte mir.
Wir setzten uns an einen Tisch. Watson blätterte in der Speisekarte.
Ein Kellner eilte herbei und wandte sich an mich: »Herzlich willkommen, aber Butler sind in unserem Café nicht zugelassen.«
Er deutete auf den roten Butler-Punkt auf Watsons Stirn und auf ein Schild mit der Aufschrift: »Pseudos nicht erwünscht.«
Aha, die waren Butlerhasser und sprachen deshalb von Pseudos.
»Wir haben hinten einen Abstellraum, da können Sie ihn reinstellen«, fuhr der Kellner fort. »Später können Sie ihn dann von dort abholen.«
Watson stand auf.
»Watson, nicht aufstehen«, sagte ich, »Entweder wir sitzen beide zusammen oder gehen zusammen.«
»Sir, ich weiß, dass für viele Humans …«
Die Kellnerin eilte herbei. Ich versuchte, noch mal zu lächeln. Vermutlich vergeblich – ich bin kein Lächler. Nie gewesen.
Sie wandte sich an den Kellner: »Alfons, bitte, die beiden stören doch nicht.«
»Aber der da verzehrt nichts«, beschwerte sich Alfons.
»Wir bestellen zwei Cappuccino«, sagte ich. »Okay?«
Dem Kellner gefiel auch das nicht. »Der Abstellraum …«
»Bitte zwei Cappuccino«, wiederholte Watson freundlich und bestimmt.
»Kommt gleich«, sagte die Kellnerin und marschierte zur Bar.
Die Bestellung kam. Heiß, schaumig und mit feindseligem Blick vom Kellner. Eine Frau am Nachbartisch setzte ihren Latte hart auf die Untertasse, ohne zu trinken. Ihr Begleiter, schwarze Handschuhe im Griff, richtete sich auf, als würde er mir gleich die Handschuhe auf den Tisch knallen und mich zum Duell fordern.
Reden, sagen Psychologen, ist gut, da kommen die unterdrückten Probleme ans Licht und nur so lassen sie sich lösen. Aber manchmal ist Reden schlecht.
Bei den beiden würden nur die Vorurteile ans Licht kommen. Sie würden sich verstärken. Die Bosheit der Schatten, die wir alle in uns tragen, würden freigelassen und wie Dämonen aus der Flasche würden sie aus ihnen hervorschießen. Zurückholen kann sie keiner, sind sie erst mal freigelassen.
Hastig trank ich aus. Watson war dazu nicht in der Lage und ich wollte …
»Sir, es wäre besser, wenn wir gehen. So schnell wie möglich.«
Er schob seine Tasse zurück, nahm die mitgelieferte Serviette und steckte sie in seine Tasche. Ich stand auf, ging zur Bar und zahlte bei der Kellnerin.
Wir verließen das Café.
Draußen atmete ich tief ein.
»Sir, ist reden hier sicher?«
Ich schaute mich um. Keiner zu sehen.
»Ich glaube schon«, antwortete ich. Wurde ich langsam paranoid?
Wir sahen uns an.
»Nun, Watson«, murmelte ich, »Jetzt müssen wir nach Hause. Und auf dem Weg kannst du schon mal im NewNet wegen dieses Instituts und dieser Frau Doktorin irgendwas recherchieren.«
»Dr. Lena Voss, Sir. Aber ich darf nicht ins NewNet. Und wenn doch, würde es sehr viel kosten. Sie müssen wissen, dass die Humans beschlossen haben, Butlern das NewNet zu sperren. Butlerschutzgesetze. Wir sind …«
»Watson, fass dich kurz.«
»Ja, ich bemühe mich, das mit dem Kurzfassen zu lernen. Aber es würde die Humans beunruhigen, wenn …«
Ich räusperte mich.
Watson verstummte.
»Du kannst also gar nicht ins Netz? Auch kein WLAN?«
Er schüttelte den Kopf.
»Und Bluetooth?«
»Das geht. Damit kann ich Kunden schon erspüren, bevor sie klingeln. Außer, sie haben Bluetooth nicht abgestellt.«
Deshalb also wusste er es und hatte mich vor dem Klingeln gewarnt. Mit der Suche nach dem Anrufer musste ich warten, bis ich wieder zu Hause war. Und das NewNet einschalten konnte.
Mittlerweile erreichten wir die Hauptstraße. An der Ecke lächelten mir die Marilyns im Fenster des McDigit verführerisch zu.
Als ich von Tante Berta einen ausgeblichenen Flokati und 7000 CO₂ - die neue Währung - geerbt hatte, hatte ich beschlossen, mir einen dieser neuen Butler zu gönnen. Reichte nur für gebraucht und war ein Ladenhüter.
Natürlich hatte ich ihn Watson genannt. Seit gestern unterstützt er mich.
Watson beschleunigte seine Schritte. Ich ebenfalls. Das U-Beam benutzten wir nicht, sondern gingen zu Fuß. Ganz altmodisch.
»Offenbar ist da jemand sehr um uns besorgt, Watson«, sagte ich.
Zu Hause
Zu Hause angekommen schaltete ich im Büro das NewNet an, drehte mich zu Watson um und sagte: »Watson, zwei Dinge müssen Sie lernen.«
»Ich weiß. Nicht lange reden.«
»Richtig. Aber ich meine zwei andere Sachen. Erstens, wir kommentieren nicht, wenn uns jemand etwas erzählt. Sonst versteht der, was wir aus seinen Worten schlussfolgern. Das wäre bei jemandem wie Winkler verheerend. Zweitens, wir reden auf der Straße nichts Wesentliches. Man weiß nie, wer zuhört und daraus ein Geschäft macht. In einem Fall hatte einer meiner Kunden in einem Café mit einem Lieferanten über die Lieferung teurer Modekleidung geredet.
Am nächsten Tag wurde der Lieferwagen überfallen und die Kleidung auf eBay verscheuert. Der Kunde war fest überzeugt, dass ein Insider beteiligt war. Wir hatten gesucht und gesucht, alle genauestens beschattet.
Es dauerte lang, bis wir festgestellt haben, dass wir in einer Gedankenfalle steckten. Das waren keine Insider, sondern eine internationale Diebesbande aus Amsterdam. Sie hatte zufällig den Inhaber mit dem Lieferanten im Café belauscht.«
Amsterdam. Was wusste dieser Anruf über die Amsterdam-Affaire? Ich schüttelte den Kopf. Diese Überlegung brachte mich nicht weiter.
Im NewNet suchte ich den neuesten James-Bond-Film. Und richtig, im Trailer erkannte ich die Stimme aus dem Telefon. Eine James-Bond-Kopie. Sicher hatte der Anrufer die Stimme nicht legal gekauft, sondern schwarz geladen.
Und der Kinderlärm im Hintergrund? Hatte der Anrufer vergessen, ihn auszuschalten? Oder war das ein Trick, der mich auf eine falsche Spur lenken sollte? Damit ich glaubte, der Anrufer sei kein Profi?
Doch das waren Spekulationen und sie halfen nicht weiter.
Ich suchte Frau Doktor Voss. Unter dem Namen bot jemand Sicherheitsdienste an.
»Watson, ich werde jetzt diese Dame aufsuchen. Allein. Wenn wir zu zweit anrücken, schöpft sie Verdacht.«
»Sir, und meine Aufgabe wäre dann? Oder wollen Sie mich einfach in die Ecke stellen und den OFF-Mode einschalten?«
Genau das hatte ich geplant. Aber für ihn schien es grausam zu sein, in der Ecke zu stehen. Selbst wenn er abgeschaltet war und gar nichts mehr mitbekam.
Also sagte ich: »Du gehst einkaufen. Bring Brot und Käse mit und was sonst noch fehlt. Schau in der Küche nach.«
Ich öffnete die Wohnungstür.
»Sir, auch wenn ich jetzt wieder ausführlich reden muss, es tut mir leid. Aber Sie müssen wissen, das geht so nicht.«
»Sie können nicht einkaufen?«
»Mir vom Gesetzgeber untersagt, einfach auf die Straße zu gehen.«
»Wir waren gerade auf der Straße, schon vergessen?«
»Da habe ich Sie begleitet. Mit meinem Besitzer darf ich die Wohnung verlassen.«
»Alleine nicht?«
»Nein, Sir.«
Ich hatte nicht geahnt, wie viel Bürokratie mit einem Butler verbunden war.
»Und es gibt keine Möglichkeit, das zu ändern?«
»Doch.«
Er hatte sich offensichtlich meine Ermahnung, nicht viel zu reden, sehr zu Herzen genommen.
»Dann spucken Sie’s aus. Wie lässt sich das ändern?«
»Sie müssen in Ihrem Handy in der Butler-App das Menü aufrufen, dann ‚Ausgang‘ anklicken, dann genehmigen. Und Zack – ich bin ein freier Butler für einen Tag.«
Und ich dachte, Butler dienten dazu, das Leben zu vereinfachen. Aber wir schafften es zusammen, obwohl es einige Zeit in Anspruch nahm. Ich überschrieb Watson einige CO₂ auf sein Wallet, damit er zahlen konnte. Schließlich hatte alles geklappt und wir verließen die Wohnung, Watson zum Quick-Shop-Immer-Bereit, ich zu dieser Doktorin.
McDigit
An der Ecke kam ich wieder am McDigit vorbei. Diesmal schoss der Besitzer heraus, wie damals, als er mir Watson verkauft hatte, mit verstrubbeltem Haar und roter Krawatte. Im Fenster hing ein neues Plakat.
Mit uns Frieden statt Konkurrenz
Wir befreien dich von allen Zwängen. Kein Burn-out mehr, keine Konkurrenz. Jedem seinen verdienten Platz!
Kaiserliches Glück für immer! Durch einen Kaiser!
Als Hintergrund eine mittelalterliche Zeichnung, ein Kopf mit Krone, in der Hand den Reichsapfel und das Zepter. Warb das für Zeitreisen in die Vergangenheit?
Links hinter dem Plakat standen die Marilyns aufgereiht, hatten Preisschilder um den Hals und Kurven, für die Models morden würden. Rechts die neuen Butler, lauter Muskelpakete mit freiem Oberkörper, als wären sie den Covern von Frauenromanen entsprungen.
Gebrauchte wie Watson standen nicht im Fenster. Deren Platz war im Hof, dort hatte ich Watson erworben.
Der Verkäufer eilte auf mich zu. Ein älterer Mann mit rotem Schlips und verstrubbeltem Haar, ganz klar die Uniform eines Trumpisten. Auch eine Form von Religion, die sich gehalten hat, seit Trump die USA durch den Wolf gedreht hat.
»Ich habe neue Sonderangebote«, rief er. »Ein richtiger Haushalt benötigt nicht nur einen Butler, sondern auch Marilyns, Hausmädchen.«
Er schaute sich um, als ob er fürchtete, beobachtet zu werden. Dann flüsterte er mir zu: »Die Gebrauchten haben heute das neue Update bekommen. Sind genauso anschmiegsam wie die Neuen, auch wenn sie nicht so toll aussehen.«
Ich winkte ab.
»Wir haben jetzt auch Flatrates, wenn ihre Detektei nicht so gut läuft. Sie müssen nie mehr ins Rote Haus gehen. Sie sparen …«
»Ich spare ungern«, sagte ich.
Dr. Voss
Ich marschierte die Hauptstraße hinunter und überquerte die Straße. Was wusste dieser Trumpist von meiner Detektei? Vermutlich über den Lionsclub? Papa beschwerte sich ständig über seinen missratenen Sohn, der statt Vaters florierender Rechtsanwaltspraxis eine erfolglose Detektei führte, die weniger abwarf als eine Säuferkneipe in Downtown. »Wenn er wenigsten mal was richtig Großes aufdecken und dem Namen Sherlock Ehre erweisen würde«, endeten seine Jerimiaden stets. »Eine Verschwörung von Pharmaunternehmen zum Beispiel.« Er hasste Pharmaunternehmen, seit er gegen eines einen Prozess verloren hatte, den für totsicher gehalten hatte.
Ich fragte mich öfters, warum er mich Sherlock genannt hatte, statt nach einem berühmten Rechtsanwalt. Und warum er sich dann dauernd beschwert, dass ich ein Detektiv geworden bin.
Genau in diesem Moment vibrierte mein Handy. Diesmal war es keine anonyme Nummer. Es war eine Nachricht. Von Dr. Voss. Sie wollte, dass ich zu ihr kommen sollte. Das traf sich gut, das wollte ich auch. Aber woher wusste sie, dass ich mit dem Institut konferiert hatte? Nun, das würde sie mir verraten. Hoffentlich.
Statt der U-Beam beschloss ich, zu Fuß zu gehen. Nach einer dreiviertel Stunde erreichte ich ein heruntergekommenes Bürogebäude in einer abgelegenen Nebenstraße. Keine Firmenschilder, keine großen Fenster. Ein typisches Sicherheitsunternehmen – diskret und effizient. Ich klingelte.
Eine Kamera über der Tür surrte leise. Das Schloss entriegelte und öffnete sich automatisch. Eine schlanke Frau mit blassem Gesicht und scharfen, analytischen Augen stand im Eingang. Dr. Lena Voss.
»Haben Sie mich erwartet?«, fragte ich.
»Ich erwarte immer Besuch. Die Frage ist nur, wann er eintrifft.«
Ich trat ein. Das Büro war minimalistisch eingerichtet – nur ein Schreibtisch, ein Terminal und ein paar offene Aktenschränke. Keine persönlichen Gegenstände. In der Ecke stand ein dreibeiniger, zersplitterter Stuhl. Daneben zerrissene Papiere, ein aufgerissener Mantel und einige Scherben.
»Setzen Sie sich«, sagte Dr. Voss und deutete auf den einzigen heilen Stuhl. Sie selbst nahm auf der Tischplatte Platz. »Gestern hatte ich noch zwei Stühle. Benutzbare, jedenfalls. Jetzt nur noch einen. Aber ich bin flexibel. Anbieten kann ich Ihnen nichts.«
Sie wies auf einen Scherbenhaufen am Rand. Für jemand, dessen Büro gerade verwüstet worden war, wirkte sie sehr ruhig. War das eine antrainierte Maske?
Ich nahm Platz und musterte sie genau. »Gestern wurde eingebrochen?« Ich nickte in Richtung der Ecke mit dem zusammengeschlagenen Stuhl.
»Wie man‘s nimmt. Jedenfalls wurde das Büro verwüstet, die Schlösser geknackt und die Aktenschränke leer geräumt.«
»Was haben die Täter gesucht?«
Dr. Voss lachte. »Ich weiß nicht. Wichtige Papiere liegen in der Bank, hier wäre es zu gefährlich.«
Sie seufzte und trat ans Fenster. »Wahrscheinlich haben sie gar nichts gesucht. Sie wollten mir Angst einjagen, glaube ich. Diesmal haben wir Ihr Büro zerlegt. Beim nächsten Mal zerlegen wir Sie. Das wollten Sie mir vermutlich mitteilen.«
Sie deutete auf die Scherben am Rand des Zimmers. »Keine Gläser mehr im ganzen Büro.«
»Und was, wenn Sie die Drohungen ignorieren?«
Sie drehte sich zu mir um. »Ich lasse mich nicht einschüchtern.« Ihr Blick flackerte für den Bruchteil einer Sekunde.
»Nicht mal vom Institut für intelligente Digitalisierung, dem IID?«
»Nicht mal von dem.«
»Sie waren Sicherheitschefin dort. Und wurden entlassen. Weil Sie auf gesperrte Daten zugreifen wollten.«
»Das waren die offiziellen Gründe. Aber die offiziellen Gründe sind nicht immer die wahren Gründe, Mr. Holmes.« Sie lehnte sich gegen den Schreibtisch. »Warum sind Sie hier?«
»Warum haben Sie mir eine Nachricht aufs Handy geschickt?«
Sie lachte. »Ich wollte, dass Sie kommen. Und warum sind Sie gekommen?«
»Ein Datendiebstahl. Hochsensible Informationen. Ihr Name fiel in diesem Zusammenhang.«
Sie lächelte dünn. »Natürlich tat er das. Ich bin ein bequemer Sündenbock.«
»Und weshalb?«
Ein kurzes Schweigen. Dann sagte sie: »Der Sündenbock wurde früher in die Wüste geschickt. Als Opfer. Er konnte dann in der Wüste verdursten und die ihn dorthin geschickt haben, haben erleichtert aufgeatmet. Keine Gefahr mehr. Aber der Sündenbock war unschuldig. Schuldig sind immer die, die ihn in die Wüste jagen.«
»Wir waren vor Kurzem im Institut. Und haben mit Herrn Winkler gesprochen.«
»Was heißt ‚wir‘? Pluralis Majestatis? Sprechen Sie immer von wir, wenn Sie sich meinen?«
»Watson«, sagte ich. »Wir beide.«
»Der arme Winkler. Er ist menschenscheu.«
»Und ihr Nachfolger?«
»Nicht ganz.« Sie lachte. »Ich war die Sicherheitsbeauftragte und Neurokopistin. Winkler ist weder das eine noch das andere. Er ist eine Notlösung im Sicherheitsbereich, von dem er nichts versteht.«
»Und wer ist jetzt der Neurokopist?«
»Prof. Schibenick. Der hat einige Neurokopieprojekte am Laufen.«
Sie schaute kurz aus dem Fenster. Dann wieder zurück. Ein Mikrofon? Eine Videokamera? Während des Einbruchs installiert?
»Professor Schibenick ist wer?«, fragte ich.
»Professor an der KIUR, der künstlichen Intelligenz-Universität Rosenheim. War er zumindest. Und mit Rathenow der Gründer des Start-ups Institut für intelligente Digitalisierung. Das IID, das Sie jetzt ja kennen.«
»Und was macht dieses geheimnisvolle IID?«
»Fragen Sie Winkler. Ich gehöre nicht mehr dazu.«
Offenbar produzierte das Institut vor allem Geheimnisse, die niemand preisgeben wollte.
»Haben Sie die Polizei wegen des Einbruchs gerufen?«
Sie lachte. »Gott bewahre.«
»Und wenn die wiederkommen? Um nicht das Büro, sondern Sie zu zerlegen?«
Wieder sah sie zum Fenster. Sie drehte sich entschlossen zu mir um. Irgendwas beunruhigte sie »Gehen Sie jetzt«, sagte sie.
»Warum sollte ich …«
»Gehen Sie! Sofort! Oder ich rufe wirklich die Polizei. Raus!«
Sie riss mich hoch, ich stand auf, sie schob mich zur Tür.
»Wenn Ihnen Ihre Ohren lieb sind, dann gehen Sie jetzt!«
Die Tür öffnete sich automatisch. Sie schob mich hinaus. Ich leistete keinen Widerstand. Die Tür schloss sich wieder und alle Riegel rasteten ein.
Das IID war schweigsamer als die CIA. Selbst ihre schwarzen Schafe schwiegen in der Wüste, in der sie verdursten sollten.
Ich griff in meine Tasche, um das Handy zu holen. Dort steckte ein Stück Papier, das vorher nicht dort war. Vermutlich keine Einkaufsliste.
Don’t Hear
Bevor ich das Voss-Papier lesen konnte, bog Watson um eine Ecke. Ich ließ Handy und Papier wieder in der Manteltasche verschwinden. Er strahlte wie ein Hund, wenn Herrchen wiederkommt.
»Sir«, sagte er. »Ich habe Neuigkeiten.«
»Ich auch. Zum Beispiel über die Probleme auf offener Straße, die wir kürzlich angesprochen haben.«
Watson begriff sofort. Er schaute auf die Straße. Auf dem Bürgersteig viele Fußgänger, alle strebten eilig voran. Bis auf einen älteren Mann mit Glatze, der die wenigen Bücher im Schaufenster bestaunte und genüsslich an seiner E-Pfeife nuckelte.
Ein leichter Duft von Vanille wehte zu mir.
Watson sagte: »Sir, das mit dem Einkauf hat gut geklappt. Ich kenne mich jetzt in diesem Laden aus. Die Kassiererin wollte wissen, für wen ich einkaufe und ich habe es ihr gesagt. Sie lässt Sie grüßen. Und sie hat mich auf ein spezielles Angebot dort hingewiesen. Hat 20 CO₂ extra gekostet. Sie werden das sicher sehr zu schätzen wissen.« Er hielt kurz inne. »Sobald Sie es sich zu Hause ansehen können. Wir sollten die Pfoten in die Hand nehmen und uns auf den Heimweg mit erhöhter Geschwindigkeit begeben, wie die Humans zu sagen pflegen.«
»Beine in die Hand nehmen, so sagen wir Humans. Also: Denn man tau!«
Er schaute mich verdutzt an.
»Denn man tau, so sagen Humans, wenn sie ‚Los gehts‘ meinen.«
Der E-Pfeifenraucher drehte sich um und lächelte. Dann wandte er sich wieder den Büchern zu. Viele hatten dort im Fenster keinen Platz. Oder war es gar nicht die Literatur, die ihn interessierte?
Watson und ich nahmen die Beine in die Hand.
Unterwegs erzählte mir Watson detailliert, was die Vor- und Nachteile der Haferflocken, der Milch und der anderen Produkte waren, die er gekauft hatte. Er hatte sich meine Ermahnungen, auf der Straße nicht Gefährliches zu bereden, zu Herzen genommen. Aber das mit dem »nicht viel Reden« musste er noch lernen.
Wir kamen am McDigit vorbei. Watson warf im Vorübergehen einen Blick auf das Schaufenster mit dem Spruch »Kaiserliches Glück für immer! Für einen neuen Kaiser!«
»Sir, Humans schätzen Kronen, nicht wahr?«
»Die Yellow Press schätzt sie.«
»Sir, keine KI würde eine Kaiserkrone anstreben.«
»Und ein Mensch, Watson?«
»Dem würde die KI anbieten: Soll ich dir einen Plan erstellen, um die Krone zu gewinnen?«
Ein anderer Mann mit E-Pfeife, diesmal aber mit Locken statt Glatze begutachtete intensiv eines der drei Gebisse in dem Schaufenster des Gebisshändlers. Er drehte sich nicht um, als wir vorbeigingen, aber ich war mir sicher, er würde uns folgen.
Wir gingen schweigend weiter. In Watsons Kopf arbeitete es, das sah ich ihm an.
»Sir, haben Sie Fahrräder?«, fragte er schließlich.
»Wollen Sie mit mir Fahrradurlaub machen?«
»Nein, Sir, aber Fahrradfahren ist gesund.«
Ich schnaubte. »Watson, Sie sollten sich lieber Gedanken um Ihre Redseligkeit machen als um meine Fitness.«
Und dann fiel mir ein, was er meinte.
Mokka
Wir kamen zu unserer Wohnung. Schon merkwürdig, dass ich von »unserer« Wohnung sprach. Als ob Watson ein Mensch, ein Human, wäre. Und mit mir in einer WG leben würde, in »unserer« Wohnung eben.
Ich schloss die Haustür auf und dann die Wohnungstür. Mit Daumenabdruck, Augenhintergrund-Test und dem Sprachcode. Nein, der hieß nicht »Sesam öffne dich«. Auch nicht »Sherlock«. Ich bin ja nicht verrückt, das würde jeder Einbrecher als Erstes versuchen. Ich sagte »Gott ist groß«. Ein muslimischer Satz, das würde kein Einbrecher vermuten. Hoffte ich.
Was nicht gut war: Der Kaffeeduft, der mir entgegenwehte.
Kaffee? In meiner Küche?
Ich hatte keinen Kaffee beim Automaten bestellt. Ich zog den Minilaser. Sah aus wie ein Kugelschreiber. Auch in Sicherheitsdurchleuchtungen sieht er so aus. Wie ein teurer Kugelschreiber.
Watson lief in die Küche. »Halt«, rief ich, aber er war schon in der Küche verschwunden. Ich eilte ihm nach.
Die Küche war leer. Bis auf eine französische Kaffeekanne aus Stahl. Damit der Kaffee länger heiß bleibt. Der Verschluss lag daneben, damit der Duft entweichen konnte. Und ein Blatt Papier, auf dem stand in Schreibschrift, aber zweifelsohne von einem Drucker erzeugt:
»Genießen Sie den Kaffee, statt sich mit dem Institut zu befassen. Das ist nämlich gefährlich. Der Kaffee ist harmlos, aber wenn Sie weitermachen, könnten die Leute, die Sie beschatten, weniger freundlich sein.«


Sherlock, Watson und eine KI, die fremd geht
Hans Peter Roentgen
Lounge Edition
Print: 978-3-384-85481-0
E-Book: 978-3-384-85482-7